Kompass zur Orientierung im Nebel der Corona-Informationen und -Strategien

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Autor: Manfred Nelting

18. Dezember 2021

Teil I: Kinder

Kompass für Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und Politiker

Von Dr. med. Manfred Nelting, Bonn

© Alexandra Koch/Pixabay

 

Willkommen zu meinem Kompass für eine Orientierung in dieser unsicheren und unklaren Zeit der Corona-Pandemie, in der viel Angst herrscht und eine Gefahreneinschätzung im Nebel vieler sich widersprechender Meinungen schwierig ist. Heute ist der 18. 12. 2021.

Mein Name ist Manfred Nelting, ich bin Allgemeinarzt und Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Meine Frau und ich haben die Gezeiten Haus Kliniken für Psychosomatik und Traditionelle Chinesische Medizin mit Akademie begründet. Wir haben neben der akuten Allgemeinpsychosomatik u.a. eine große traumatherapeutische Klinik, eine Kinder- und Jugend-Psychiatrie und -Psychosomatik, eine geriatrische Abteilung und behandeln als einen weiteren Schwerpunkt auch Folgen der Corona-Pandemie wie psychosomatische Lockdown-Folgen und Long Covid-Symptomatik.

Unsere drei erwachsenen Kinder sind mit ins Unternehmen eingestiegen und wir haben 4 Enkelinnen im Schul- und Kindergartenalter. Nun haben Sie einen ersten Eindruck, wer wir sind.

 

Die Bedeutung des Kompass

Ein Kompass ist hilfreich in unwegsamem und unbekanntem Terrain sowie auf hoher See. Er zeigt den Norden an, dies kann man zur klaren Orientierung auf dem weiteren Weg nutzen.

Gibt es in der Pandemie ähnlich hilfreiche Anhaltspunkte zur Orientierung wie die Nordposition beim Kompass? Ich meine ja und dies soll Gegenstand dieser Folge sein.

Ich werde mit Themen um die Kinder- und Jugendlichen beginnen (Kompass Teil I), danach auf die älteren Menschen schauen, schließlich auf die große Mehrheit der Erwachsenen von 18 bis 59 Jahren (Teil II). Teil II folgt nächstes Jahr, voraussichtlich im Februar 2022.

Wichtig ist, dass sogenannte Fakten und Informationen, in unterschiedliche Blickwinkel, Kontexte und Rahmen gesetzt, sich dann in unterschiedlicher Bedeutung zeigen und wir dabei schauen müssen, was für die Orientierung gute Stabilität und Klarheit hat, auch wenn es die absolute Wahrheit nicht gibt und Analysen auch immer eine subjektive Seite beinhalten.

Und wissenschaftliche Erkenntnisse entwickeln sich ständig weiter, d.h. auch, dass wir zum heutigen Zeitpunkt auch einiges nicht wissen können. Dann müssen wir auch sagen, dass wir das noch nicht wissen und Prognosen natürlich immer mit Unsicherheiten behaftet sind.

Hier schon einmal 2 Aussagen, die sich im Weiteren als klar begründet zeigen werden:       

  1. SARS-CoV-2 kann gefährlich werden für ältere Menschen, besonders mit Vorerkrankungen, allgemein für Menschen mit Vorerkrankungen und geschwächtem Immunsystem, das gilt selten auch für Kinder mit Vorerkrankungen
  2. Kinder sind nach übereinstimmender internationaler Studienlage keine Pandemietreiber

 

Kinder

Beginnen wir mit den Kindern. Es sind jetzt aktuell Impfungen für Kinder ab 5 Jahre zugelassen, an der sich schon die Geister scheiden.

Es wird allgemein gesagt, dass sich die Kinder anstecken, die Viren weiter verteilen können und grundsätzlich selbst gefährdet sind, schwer zu erkranken und zu sterben, wenn auch in kleiner Zahl. Hierzu einige schon feststehende Informationen, die folgenden Zahlen betreffen Deutschland.

(Quellen: Robert-Koch-Institut (RKI), Statistisches Bundesamt, Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), Ständige Impfkommission (STIKO), nationale und internationale Studien, eigene Expertise).

Vorweg:

Kinder haben bei Corona-Infektionen sehr selten schwere Verläufe, kindliche Sterbefälle sind dabei die absolute Ausnahme:

Von den ca. 100.000 Sterbefällen, bei denen das Vorhandensein des Corona-Virus nachgewiesen worden ist, entfallen in den 22 Monaten dieser Pandemie 18 Kinder auf Kinder bis 10 Jahren, weitere 17 Jugendliche und junge Erwachsene bis 20 Jahren. Bis auf wenige Ausnahmen hatten diese Kinder schwere für den Verlauf bedeutsame Vorerkrankungen.  Für die wenigen Ausnahmen (6 Fälle, soweit mir bekannt) weiß man noch keinen eindeutigen Grund, es werden von Wissenschaftlern unterschiedliche genetische Voraussetzungen angedacht. Ob diese Sterbefälle durch eine Impfung hätte vermieden werden können, weiß man noch nicht.

Von den knapp 9 Millionen Kindern bis 11 Jahre einschließlich ist seit Beginn der Pandemie bei etwa 150.000 der 0-4-Jährigen eine Corona-Infektion durch PCR-Test registriert worden, bei 5-11- Jährigen etwa 400.000. Die große Mehrzahl davon war ohne Symptome. Insgesamt dürfte die Zahl höher sein, da zu Beginn der Pandemie nur symptomatische Erkrankungen zum Test kamen. Seit diesem Jahr sind die Zahlen aber recht zuverlässig, da in Kitas, Kindergärten und Grundschulen regelmäßig Tests stattfinden.

Von den knapp 14 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sind etwa 2000 Kinder in den 22 Monaten wegen einer schwereren Symptomatik bei positivem Corona-Test ins Krankenhaus aufgenommen worden, knapp die Hälfte war unter 2 Jahre. Etwa 100 Kinder mussten auf die Intensivstation und 32 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren sind gestorben, fast alle mit lebensschwächenden Vorerkrankungen.

Knapp 500 Fälle mit PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) , einer seltenen durch das Corona-Virus angestoßenen ungezügelten Immunüberreaktion mit Beginn etwa 2-6 Wochen nach Infektion, sind bei den genannten 2000 Kindern enthalten. Die Infektion war in den meisten Fällen erst einmal symptomfrei oder milde verlaufen. PIMS ist eine gut behandelbare und gutartige Überreaktion des Immunsystems, die nach derzeitigem Wissenstand fast immer vollständig ausheilt; sehr seltene Folgen waren am häufigsten Herz-Kreislauf-Probleme. Für die Kinder, die das durchmachen mussten, und ihre Eltern bleibt das natürlich eine schlimme Erfahrung, aber glücklicherweise regelhaft mit einem guten Ende.

Ca. 1500 Kinder in der Altersgruppe von 0-11 Jahren mit schwereren Verläufen bei mindestens 550.000 nachgewiesenen Corona-Infektionen bedeutet, dass mehr als 99% der Kinder die Corona-Infektion mit ihrem angeborenen Immunsystem ohne Symptome, also unbemerkt, oder mit nur milden Symptomen abwehren konnten.

Bei den Sterbefällen von Kindern mit positivem PCR-Test gibt es zudem deutliche Hinweise in den wissenschaftlichen Untersuchungen, dass vermutlich 40% an ihren Grunderkrankungen gestorben sind und nicht an der Corona-Infektion und 60% an der Corona-Virus-Infektion auf dem Boden ihrer Grunderkrankung.

Umgerechnet auf die Altersgruppe von 5-11 Jahren, für die jetzt die Impfung zugelassen wird, sind es bei 400.000 nachgewiesenen Infektions-Fällen mit dem Corona-Virus etwa 500 schwerere Verläufe mit Krankenhausbehandlung und 8 Kinder, die konkret an der Corona-Infektion gestorben sind bei lebensschwächenden Vorerkrankungen. Das sind 2 Kinder auf 100.000 Kinder mit nachgewiesener Corona-Infektion.

Schauen wir uns an, wie das Immunsystem kleiner Kinder so wirksam arbeiten kann, insbesondere Viren kennenlernt und mit ihnen umgeht.

 

Das angeborene Immunsystem

In der Stillzeit bekommt ein Säugling Immunschutz vor allem durch die in der Muttermilch enthaltenen Antikörper der Mutter. Wenn die Mutter gesund ist, ist der Schutz recht umfassend. Bei Kaiserschnitt-Kindern ist zusätzlich darauf zu achten, dass sie möglichst schon im Krankenhaus mit der Vaginalflora der Mutter in Kontakt kommen für den Aufbau einer guten Darmflora.

Schon in der Stillzeit beginnt für das kleine Kind die verstärkte Eigenarbeit des Immunsystems mit angeborenen Immunitäts-Faktoren. Die sind überragend in ihren Fähigkeiten. Gelangen Viren in Kontakt mit der Nasen- oder Rachenschleimhaut fangen vorhandene Monozyten und sogenannte Fresszellen, und natürliche Killerzellen sofort mit der Vernichtung der Fremdkörper an. T-Lymphozyten schütten sogenannte Interleukine und insbesondere Interferone aus. Von Plasmazellen (B-Lymphozyten) ausgeschüttete gegen Virusbestandteile wirksame Immunglobulin-A-Antikörper sind sowieso schon vor Ort. Alle diese Zellen und Immunstoffe wirken zusammen und erreichen, dass die Viren rasch zerstört und eliminiert werden. Dies ist schon in den ersten Stunden wirksam und in 48 Stunden weitgehend abgeschlossen.

Dies ist der Hauptgrund, dass Kinder weniger ansteckend sind, im Grunde nur kurze Zeit nach ihrer eigenen Ansteckung, und sie können kaum zum Superspreader werden, weil das Virus zur Vermehrung in intakte Körperzellen gelangen muss. Die Viren können aber bei Kindern schwerer in Körperzellen gelangen, denn die sogenannten Andockstellen für Corona-Viren, die sogenannten ACE2-Rezeptoren, bilden sich in Zahl und Funktion erst langsam aus und sind erst mit etwa 10 Jahren beim Kind ausgereift.

Parallel dazu wird dieser Viruskontakt im T-Zellsystem als spezifische Erinnerung behalten und dann kann im späteren erneuten Kontakt die Vernichtung und Elimination des speziellen Virus noch präziser stattfinden. Einige Tage oder Wochen werden nach Infektion noch spezifische Immunglobulin-G-Antikörper ausgeschüttet als weiterer Schutzwall, die bei erneutem Kontakt schon für sich diese Viren rasch neutralisieren können.

Ein weiterer wirksamer Immunitäts-Mechanismus ist die sogenannte Kreuz-Immunität. Dabei entstehen durch andere Corona-Erkältungsviren Antikörper und Gedächtniszellen, die nicht nur gegen die Spike-Proteine gebildet wurden, sondern auch auf Bestandteile des Virus, die sich bei allen Corona-Viren finden, wenig unterschiedlich und sehr stabil sind, also praktisch nicht mutieren, z.B. spezifische Nucleocapsid-Proteine und insbesondere Antikörper gegen die sogenannte RNA-Polymerase, die das Virus zur Vermehrung braucht. Die RNA-Polymerase ist bei allen Corona-Viren vorhanden, darum wirkt das dann auch auf SARS-CoV-2-Viren.

Die direkt erworbene Immunität gilt trotzdem als stärker als die Kreuz-Immunität aufgrund der noch präziser auf das Virus abgestimmten Antikörper. Aber die Kreuz-Immunität reicht vermutlich bei vielen Menschen, insbesondere Kindern, offensichtlich schon aus, um das Virus zu neutralisieren, auch wenn man es vorher noch nicht gekannt hat.

Das Immunsystem der Kinder ist also sehr effizient und kraftvoll aufgebaut und kommt auch mit der ansteckenderen Delta-Variante klar. Die Kinder sind insofern keine Pandemietreiber, stecken andere viel weniger als die Erwachsenen an und überfordern nicht das Gesundheitssystem. Das Thema Omikron bespreche ich gleich noch.

 

Die PCR-Tests

Bei den regelmäßigen Testungen in Grund-Schulen und Kindergärten fallen Kinder aber ggf. als positive Fälle auf, man sagt sie seien Inzidenz-Zahl-Treiber, aber eben keine Pandemietreiber. Es ist insofern sinnvoll und empfehlenswert sie aus der Quote der Ungeimpften herauszurechnen, weil sonst die Gefahr der Pandemie sich unrichtig erhöht zeigt.

PCR-Tests zeigen nicht nur eine Infektion an, sondern ggf. auch eine Vermehrungsfähigkeit der Viren, also eine Infektiosität der untersuchten Person, wenn der beim PCR-Test sogenannte ct-Wert unter 25 ist. Da die PCR-Tests in Deutschland eine Infektiosität bis zu einem ct-Wert von 30 festgelegt haben, gibt es wissenschaftliche Kritik daran.

Internationale und nationale Studien legen nahe, dass oberhalb von einem ct-Wert von 25 ein PCR-Test keine vermehrungsfähigen Viren anzeigt, sondern nur noch Teile des Virus im Abbauprozess. Danach dürfte der PCR-Test auch bei Kindern zu oft eine Infektiosität anzeigen, die dann unnötige Quarantänen mit Unterrichtsunterbrechungen nach sich zieht. Andererseits hat man mit dem erweiterten ct-Bereich auf 30 einen gewissen Sicherheitsbereich eingebaut, der sicherlich auch seine Rechtfertigung darin finden kann, dass die PCR-Tests international noch gar nicht standardisiert sind. Solche Standards werden aktuell von der WHO gefordert.

Leider wird der ct-Wert von den Laboren nicht immer mitkommuniziert, sondern nur das Ergebnis ‚positiv‘ oder ‚negativ‘ mitgeteilt.

Die Schließung von Kitas, Kindergärten und Grundschulen ist also medizinisch und epidemiologisch nicht begründet, dies gilt, wie wir noch sehen werden auch für die Schüler ab 12 Jahre. Es ist aber mittlerweile klar erwiesen, dass Kinder psychosozial sehr gefährdet sind durch Schulschließungen und andere Lockdown-Folgen, so dass Schulschließungen zukünftig nicht mehr stattfinden dürfen.

Warum bringt man nun bei einer solch wirksamen kindlichen Immunabwehr eine Impfung gegen SARS-CoV-2 ins Spiel? Das wollen wir uns nun genauer anschauen. Das Thema von Long-Covid bei Kindern und Jugendlichen bespreche ich nach den Informationen zur Altersgruppe der 12-16-Jährigen.

 

Zur Impfung bei Kindern

Die Hypothese:

Die acht genannten Sterbefälle bei Kindern in der Altersgruppe der 5-11-Jährigen in diesen 21 Monaten hätte man möglicherweise in dieser Altersgruppe mit einer Impfung verhindern können, ggf. ebenso die etwa 200 PIMS-Erkrankungen der 5-11-Jährigen und weitere 300 schwerere Verläufe.

Wenn man hypothetisch davon ausgeht, dass von den etwa 6 Millionen Kindern in dieser Altersklasse zweidrittel der Eltern ihre Kinder impfen lassen würden, dann müßten für den Nutzen dieser Impfung für die Kinder diese 4 Millionen Impfungen weniger Todesfälle und in weniger als 500 Fällen Impf-Nebenwirkungen bzw. -Erkrankungen zeigen, das müssten also rechnerisch weniger als 12 Fälle von ernsten Impfreaktionen auf 100.000 geimpfte Kinder sein. Denn es werden ja in aller Regel gesunde Kinder geimpft, da muss man einen eindeutigen Nutzen nachweisen.

Die Impfstudie zur Zulassung von Biontech/Pfizer bei 5-11-jährigen Kindern wurde mit einer Dritteldosis der Erwachsenen-Dosis durchgeführt. Die Zahl der Kinder in dieser Studie waren 2268 Kinder, bei denen Zweidrittel mit dem Impfstoff, das andere Drittel mit Placebo geimpft wurden. Das ist eine sehr kleine Zahl an Studienteilnehmern, durch die seltene Nebenwirkungen der Impfung noch nicht sichtbar werden können bzw. müssen, die eben ggf. erst in einer Häufigkeit bei 10.000 oder 100.000 Probanden auffallen. Daher ist eine Nachbeobachtungszeit aller Impflinge von 2 Jahren festgelegt worden, um dies ggf. nachträglich zu erfassen.

Dies nachträglich durch eine hohe Zahl von Geimpften erfassbaren Nebenwirkungen sind allerdings nicht als Spätfolgen zu bezeichnen, sondern als Späterfassung von Nebenwirkungen, die denn auch in den ersten Wochen nach der Impfung, verstärkt nach der 2. Impfung auftreten.

Eine späte Erfassung der Häufigkeit von Impf-Nebenwirkungen bzw. -Folgen ist z.B. auch die mittlerweile festgestellte größere Häufigkeit von Sinusvenenthrombose bei Erwachsenen nach Impfung mit dem Impfstoff von Johnson&Johnson in den USA, die nun dazu geführt hat, dass es eine staatliche Empfehlung in den USA gibt, für die Impfungen andere Impfstoffe vorzuziehen.

Über die Sorgen wegen Spät- oder Langzeitfolgen spreche ich gleich noch extra.

Die in der Studie geimpften Kinder zeigten eine gute Ausbildung neutralisierender Antikörper. Die Untersuchungen wurden an 90 verschiedenen Kliniken in USA, Finnland, Polen und Spanien durchgeführt, was allerdings noch Fragen zur Vergleichbarkeit der Wirksamkeits-Zahlen aufwirft.

Wir können aber davon ausgehen, dass Kinder in der Regel die Impfungen gut vertragen. Seltene Impfreaktionen werden wir beim Impfen in Deutschland erst nach einigen Monaten sehen, aber wie gesagt, dann als Nebenwirkung kurz nach der Impfung. Zahlen aus den USA, wo schon viele Kinder dieser Altersgruppe geimpft wurden, zeigen, dass es solche Reaktionen in seltener Zahl gibt, z.B. Herzmuskelentzündungen. Die gibt es allerdings selten auch bei der direkten Corona-Virus-Infektion, die sehr seltenen Fallzahlen sind in diesem Alter dabei ähnlich wie bei der Impfung, in einigen Studien geringfügig höher.

Allerdings sind die Zahlen aus den USA nicht eins zu eins zu übertragen, u.a. weil z.B. starkes Übergewicht bei Kindern in den USA viel häufiger gesehen wird als in Deutschland. Starkes Übergewicht gilt als Risikofaktor, quasi wie eine Vorerkrankung, im Falle einer Corona-Infektion.

Ein deutlicher Nutzen der Impfung gegenüber dem Risiko der sehr seltenen schwereren Infektionen zeigt sich angesichts der ebenfalls sehr selten aufgefallenen Impfnebenwirkungen hier noch nicht ab. Und die angeborene Immunität wird ja durch die Impfung nicht einfach abgeschaltet, sondern bekämpft die Viren weiterhin in starker Wirksamkeit, insofern kann man die Wirksamkeit der Virusbekämpfung bei Geimpften natürlich nicht allein der Impfung zuschreiben.

Zu erwähnen ist auch, dass verschiedene Impfungen das Aktivitätsniveau der angeborenen und adaptiven Immunität vielfach heben. Aber auch Dämpfungen des Reaktionsvermögens wurden beobachtet.

Zum jetzigen Zeitpunkt sieht man, dass bei Geimpften das sehr geringe Risiko für Kinder, dabei insbesondere bei Kindern mit Vorerkrankungen, an SARS-CoV-2 schwer zu erkranken noch etwas gesenkt ist. Ernste Nebenwirkungen wurden vereinzelt aber erst in den Impfbegleitenden Studien mit hoher Zahl der Impflinge, wie in den USA, gesehen.

Kritische Stimmen weisen daraufhin, dass der Impfstoff, der für das Wildvirus entwickelt wurde, auch noch nicht an die Delta-Variante, geschweige denn an die Omikron-Variante, sollte sie sich durchsetzen, angepasst ist. Hierauf gehe ich gleich noch ein.

Da schon bekannt ist, dass die Omikron-Variante ebenfalls die ACE2-Rezeptoren besetzt, um in Zellen zu gelangen, würde diese Variante für die Kinder bis 10 Jahren bei einer Infektion vermutlich ebenfalls durch die angeborene Immunität bekämpft, da diese Virus-Variante aufgrund der geringen Zahl und Unreife an ACE2-Rezeptoren in diesem Alter sich ebenfalls schwer in Zellen vermehren kann.

Mit Blick auf die Omikron-Variante ist der Nutzen einer Kinder-Impfung mit BionTech, bei der es für die Dauer der Wirksamkeit und die mögliche ausgedehnte Antikörperwirkung auch gegen Omikron ja noch keine Informationen gibt, durchaus auch in Frage zu stellen, auch weil die angeborene Immunität bei Kindern eben hochaktiv und wirksam ist und sehr wahrscheinlich auch die Omikron-Variante erfasst.

Die Empfehlung der STIKO zum Impfen für diese Altersgruppe der 5-11-Jährigen besagt denn auch, dass sie die Impfung empfiehlt für die Kinder mit Vorerkrankungen, für Kinder, in deren Umfeld gefährdete Menschen leben bzw. Menschen, die nicht geimpft werden können, und auch auf Wunsch der Eltern nach Beratung durch ihre Kinderärzte.

Diese STIKO-Empfehlung halte ich für sehr klug, weil sie einen guten Boden für Toleranz abgibt. Denn bei der sehr geringen Zahl an schweren Verlaufsformen bei der Erkrankung im Kindesalter und der sehr geringen Anzahl der Impfnebenwirkungen gibt es im Grunde kaum ein richtig oder falsch. Die allermeisten Eltern werden ihre Entscheidung für oder gegen die Impfung also nicht bereuen müssen. Es bleibt in ihre Verantwortung gestellt, dies nimmt ihnen also niemand ab, wie es sich einige Eltern gewünscht hatten. Eltern, die ruhig abwarten wollen, wie sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Kinder-Impfung weiter herauskristallisieren, können hier nichts falsch machen.

Die neue Regierung hat sich allerdings bereits für die Impfung positioniert mit der Begründung, dass die Kinder viel auf sich genommen hätten in der Pandemie und es jetzt moralisch geboten sei, dass sie jetzt durch die Impfung ihre Freiheit wiederbekommen.

Diese Begründung verkennt, dass die Belastung der Kinder vielfach durch die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung entstanden waren, wobei man erst spät an die Auswirkungen für Kinder gedacht hat, und die Kinder ihren Bewegungs- und Begegnungsraum natürlich auch durch die Aufhebung solcher die Kinder betreffender Maßnahmen zurückbekommen können, also keine Schulschließungen, Offenbleiben von Jugendzentren, Sportmöglichkeiten, kirchlichen Jugendtreffs usw. Dies ist in hoher Verantwortung möglich, weil es erwiesen ist, dass Kinder keine Pandemietreiber sind.

Ich gehe davon aus, dass die Regierung in absehbarer Zeit ihre Position relativieren wird, wenn deutlich wird, dass eine hohe Impfquote der über 60-Jährigen die überragende Rolle spielt im Pandemiegeschehen, nicht die Inzidenzen und nicht die Impfquote bei den Kindern. Ich komme argumentativ ausführlich darauf zurück im Kompass Teil II.

Die Herausforderung liegt nun bei den Eltern und Lehrern, dass Toleranz gelingt. Lehrer sind ja sowieso bereits sehr achtsam, dass egal in welchem Bereich keinerlei Ausgrenzung bei den Kindern stattfindet, sei es durch Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Körpergewicht, Sozialstand, Mobbing und Cybermobbing. Also werden sie sich auch beim Impfstatus bemühen.

Bevor ich auf Long-Covid eingehe, möchte ich noch die Altersgruppe der 12-16-Jährigen besprechen:

 

Die 12-16-Jährigen

In dieser Altersgruppe finden sich knapp 4 Millionen Jugendliche mit ca. 300.000 nachgewiesenen Corona-Infektionen in 22 Monaten und etwa 300 schweren Verläufen mit Krankenhausbehandlung, 10 Jugendliche sind an den Folgen der Corona-Infektion gestorben, ebenfalls in fast allen Fällen bei vorbestehenden Vorerkrankungen. D.H. auch hier haben mehr als 99% der Jugendlichen bis 16 Jahre mit ihrem Immunsystem das Corona-Virus symptomlos oder symptomarm bekämpfen können.

Die Impfungs-Studie für diese Altersgruppe für die Zulassung wurde mit der Erwachsenendosis durchgeführt. Es wurde aber im Wesentlichen untersucht, ob die Bildung von Antikörpern ähnlich effektiv wie bei den Erwachsenen stattfindet. Dies hat sich bestätigt.

Im Rahmen der großflächigen Impfungen der Gruppe der 12-16-Jährigen in den USA zeigte sich bei den älteren männlichen Jugendlichen von 16-19 Jahren eine in der Zahl zwar geringe, aber doch erhöhte Rate von Herzmuskelentzündungen. Da dies bei dem höher dosierten Impfstoff von Moderna noch häufiger auftrat, wurde dies vielfach als Dosierungsproblem aufgefasst und die Erwachsenen-Dosis bei der BionTech-Impfung bei den Jugendlichen von vielen Kinderärzten halbiert gegeben, bei Moderna gab es schließlich die Empfehlung der STIKO, den Moderna-Impfstoff zur Sicherheit nicht mehr bei Menschen unter 30 Jahren anzuwenden.

Die STIKO hatte in dieser Altersgruppe bei ihrer ersten Empfehlung, mitgeteilt, dass sie die Impfung nur für Jugendliche mit Vorerkrankungen empfiehlt. In der zweiten Empfehlung hat sie dann die Impfung für alle Jugendlichen dieser Altersgruppe empfohlen mit der Begründung, dass die Jugendlichen ohne Impfung psychosoziale Nachteile in der Gesellschaft erleiden würden. Diese Empfehlung ist allerdings bekanntermaßen unter massivem politischem Druck erfolgt und ist mit dem psychosozialen Argument nur gültig unter der aktuellen gesellschaftlichen Kommunikation und aktuellen politischen Strategie der Pandemie-Bekämpfung.

Die gute Hälfte der Eltern von Kindern dieser Altersgruppe sind bisher der Impfempfehlung gefolgt.

Da in mehr als 99% der Infektionsfälle in dieser Altersgruppe die Infektion symptomlos oder milde verlaufen ist, bleibt es in der Wissenschaft umstritten, ob der Nutzen der Impfung das Risiko schwer zu erkranken oder zu sterben, überwiegt. In den Medien und in Äußerungen von Politikern wird der überwiegende Nutzen allerdings als bereits erwiesen kommuniziert, was wissenschaftlich aber noch nicht nachgewiesen ist.

 

Maskenpflicht bei Kindern

Im Beginn einer Infektion mit hoher Keimzahl kann die Viruslast bei Kindern für eine kurze Zeit ähnlich hoch sein wie bei Erwachsenen, aufgrund der raschen Elimination wird das Virus aber nur wenig weiterverbreitet. Für die Kinder in Kita, Kindergarten und Grundschulen sind daher Masken entbehrlich und angesichts der Lernbedeutung emotionaler Gesichtsausdrücke in diesem Alter auch kontraindiziert. Bei guter Durchimpfung von Erziehern und Grundschullehrern ist es daher bei diesen Berufsgruppen ebenfalls sinnvoll und medizinisch vertretbar auf Masken zu verzichten, dies sollte aber individuell freigestellt sein.

Es gibt inzwischen auch Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder die Emotionen eines maskierten Gegenübers recht gut herausfinden können aus der sogenannten Prosodie, den Variationen in der Stimme des Gegenübers. Dies ist aber für viele Kinder stressbehaftet und beeinträchtigt die motivationale Stimmung. Die Forscher mahnen insofern auch dringend weitere Forschung an.

Ein Grund das Maskentragen der Kinder bis 11 Jahre zu fordern, ergibt sich daraus nicht, da es medizinisch und epidemiologisch nicht erforderlich ist und für die Entwicklung der Kinder eher ungünstig ist.

Die Bundes- und Landesregierungen haben aktuell davon abweichende Anweisungen zur Maskenpflicht auch bei den jüngeren Schülern, also den 5-11-Jährigen gegeben, vermutlich mit Blick auf die Zunahme der Inzidenzen. Dies ist aufgrund der epidemiologisch wenig relevanten Bedeutung der Inzidenzen bei Kindern aus meiner Sicht nicht wirklich nachvollziehbar und ungünstig für die Kinder und sollte korrigiert werden.

Falls das Votum für Maskenpflicht in der Grundschule bleiben sollte, ist unbedingt darauf zu achten, dass die Kinder keine FFP2-Masken tragen, sondern OP-Masken. Denn bei geringeren Lungenvolumen und weniger Atemkraft ist der Atemwiderstand bei FFP2-Masken in der Regel zu hoch.

Da bei den Jugendlichen die ACE2-Rezeptoren als Andockstellen für Coronaviren voll ausgebildet sind, ist es prinzipiell möglich, dass das Virus mehr in Zellen gelangt und sich dort vermehrt. Da die Geschwindigkeit der Virus-Abwehr und -Elimination in Nasen- und Rachenschleimhaut aber bei den Jugendlichen immer noch sehr hoch ist, kommt es nur äußerst selten vor, dass Jugendliche zu Superspreadern werden.

Zur Vorsicht macht es aber Sinn, dass in den weiterführenden Schulen die Jugendlichen und die Lehrer Masken tragen.

 

Isolation und Quarantäne bei Kindern

Da nach einer Ansteckung von Kindern die Plateau-Phase mit einer höheren Viruslast sehr kurz ist und die Virus-Elimination sehr rasch erfolgt, reicht bei positivem PCR-Test eine häusliche Isolierung eines infizierten symptomlosen Kindes von drei Tagen aus, damit andere Kinder vor Ansteckung sicher sind. Bei Jugendlichen sind vermutlich 5 Tage ausreichend und Lehrer sollten sich ebenfalls nach 5-tägiger Isolierung beginnend erneut testen.

Quarantäne für Kinder ist nur bei Kindern mit intensivem Direktkontakt zu dem PCR-positiv-getesteten Kind notwendig, weil Kinder aufgrund der raschen Viren-Inaktivierung andere seltener anstecken.

Insgesamt wird hier gute ruhige und aufmerksame Beobachtung Klarheit für eine eventuell notwendige Modifizierung der Intervalle ergeben.

 

Long-Covid

Wir kennen bei fast allen Virus-Erkrankungen verlängerte Krankheitszustände bei einigen Erkrankten, deutlich etwa bei der Influenza oder beim Pfeifferschen Drüsenfieber (Epstein-Barr-Virus). Die Zahlen dort wurden bei diesen Krankheiten bisher allerdings nicht systematisch erfasst, die Gesellschaft hat dies so hingenommen, bzw., weil dies in den Medien kaum kommuniziert wurde, war dies auch den meisten Menschen nicht bekannt.

Verlängerte Krankheitszustände bei und nach der SARS-CoV-2-Infektion gibt es, hier Long-Covid, teilweise auch Post-Covid genannt. Long-Covid wird auch bei Kindern beobachtet, aber auch hier gibt es bisher keine systematische Erfassung. Das liegt u.a. daran, dass es noch keine gesicherte Definition von Long-Covid gibt. Denn wir beobachten viele subjektiv geäußerte Beschwerden wie u.a. hochgradige Schlappheit, Kopf- und Körperschmerzen, depressive Symptome, Gedächtnis- und Konzentrations-Probleme, aber keine Laborwerte, Röntgen-Auffälligkeiten oder Scores standardisierter Tests.

Kinder mit diesen Symptomen kommen zum Arzt oder ins Krankenhaus, aber eine anerkannte wirksame Allgemeinbehandlung gibt es noch nicht. Allerdings zeigen psychosomatische Behandlungen, die sowohl körperliche als psychische Problemlagen integriert behandeln, in der Regel guten Erfolg. Die meisten Kinder, die diese Symptome eindeutig nach der Corona-Infektion entwickeln, sind nach etwa 3 Monaten wieder symptomfrei.

Es wird nun viel geforscht und es gibt weltweit schon einige Studien, die ganz unterschiedlich und so kaum vergleichbar sind. Nun hat die Uniklinik Dresden eine Studie veröffentlicht (nach dem ersten Lockdown im Juni 2020) und dabei auch Kinder und Jugendliche mit solchen Symptomen untersucht, und u.a. festgestellt, dass es genau dieselben Symptome sowohl bei Kindern mit nachgewiesener Corona-Infektion und bei Kindern ohne Hinweis auf eine solche Infektion gibt.

Dies haben wir bei den Aufnahmen von Kindern in unserer Kinder- und Jugend-Psychiatrie und -Psychosomatik in der Gezeiten Haus Klinik Schloss Eichholz in Wesseling ebenso festgestellt.

Wir hatten dabei beobachtet, dass es bei einigen Kinder solche Symptome und psychische Auffälligkeiten schon vor der Pandemie gab, dass sich die Zahl der Kinder aber in der Pandemie deutlich erhöht hat, und zwar unabhängig von dem Nachweis einer Corona-Infektion. Die meisten Kinder erzählen dabei, dass sie stark gelitten haben unter Ängsten um die Eltern und unter dem Lockdown, also ohne gute Kontakte zu anderen Kindern, Mitschülern und Lehrern und das diese Traurigkeit noch anhält. Auch das Familienleben sei irgendwie schwieriger geworden, besonders in der Enge kleiner Wohnungen.

Aktuell entwickeln einige Grundschulkinder neue Ängste, dass ihre Eltern erkranken können, ja dass sie die Eltern anstecken könnten, obwohl diese 2-mal geimpft sind – das haben sie in den Medien mitbekommen - und wollen in dieser Angst nun selbst die Kinderimpfung haben. Hier sind die Eltern mit den Kinderärzten gefragt, diese Ängste zu mindern.

 

Ursachen für Long-Covid und Lockdown-Folgen bei Kindern

Es kann nun sein, dass es verschiedene Ursachen für gleiche Symptome gibt, also z.B. die Ursache Infektion und oder die Ursache Lockdown. Da aber der Lockdown ja auch für die Kinder mit Infektion gegolten hat, könnten der Zusammenhang mit dem Lockdown überwiegen.

Wir wissen allerdings sicher, dass vor der Pandemie jedes vierte Kind psychisch/psychosomatisch auffällig war, und mittlerweile mindestens jedes dritte Kind. Vor der Pandemie auffällige Kinder konnten in der Pandemie nicht gut weiterbetreut oder weiterbehandelt werden, da nicht nur Ärzte seltener besucht wurden, sondern auch Freizeiteinrichtungen, Sozial- und Gemeinde-Arbeit, Schulalltag nicht mehr durchgehend offen waren und Familien, die Hilfe brauchten, nicht mehr besucht werden konnten. Und es sind weitere schon vorher gefährdete Kinder, die im Lockdown bzw. unter der Infektion Symptome entwickelt haben, hinzugekommen.

Wenn man dies alles beachtet, ist noch sehr unklar, was und in welchen Fällen es sich bei Kindern- und Jugendlichen um Long-Covid oder Lockdown-Folgen handelt oder auf der anderen Seite um davon abgrenzbare vorbestehende Depressionen und Traumafolgestörungen, die allerdings im Lockdown sich oft verschlechtert haben. Aber auch diese Kinder konnten sich natürlich noch mit Corona infizieren.

Bei der derzeitigen wissenschaftlichen Forschungslage, die eine klare Definition von Long-Covid bei Kindern noch nicht ermöglicht und insofern eine Aussage über die Häufigkeit noch nicht bestimmt werden kann, kann die Long-Covid-Problematik aktuell kein Argument für eine Corona-Impfung für die 5-11-Jährigen sein. Dies gilt ebenfalls für eine Diskussion um eine Impfpflicht ab 12 Jahre, für die Long-Covid als Argumentation herangezogen wird.

Um dies zu begründen, müssten wissenschaftliche Ergebnisse zu einer deutlich auffälligen Häufung von einem klar definierbaren Long-Covid bei Kindern und Jugendlichen vorliegen. Daran wird aktuell intensiv geforscht, bisher noch ohne greifbare Ergebnisse.

Sicher und deutlich ist es für viele Ärzte allerdings, dass es Long-Covid wie bei anderen Viruserkrankungen auch gibt. Sollte sich herausstellen, dass es eine auffällige Häufung, nachweisbar infektionsabhängig, auch bei Kindern tatsächlich gibt, muss man natürlich die Impfung von Kindern als Schutz vor Long-Covid erneut prüfen. Aktuell wissen wir das nicht.

Anders stellt sich die Situation bei den Erwachsenen dar, hier gibt es natürlich auch primäre Lockdown-Folgen, aber es finden sich gemäß der deutschen S1-Leitlinie Long-Covid/Post-Covid klarere Kriterien für eben auch primär oder gekoppelte virusbezogene Langzeitfolgen. Dies können wir bei unseren Patienten, die wir wegen Long-Covid in unseren Gezeiten Haus Kliniken behandeln, bestätigen. Hierüber mehr im Kompass Teil II.

 

Langzeitfolgen einer mRNA-Impfung

Man muss mögliche Langzeitfolgen von Nebenwirkungen und später auftretende bzw. erst später auffällige ernste Folgen einer Impf-Wirkung unterscheiden. Nebenwirkungen kurz nach einer Impfung, die erst bei einer hohen Impfquote auffallen, gelten nicht als Spätfolgen.

Mögliche Langzeitfolge von Impfnebenwirkungen ist z.B. ein durch bei einer im zeitlichen Rahmen der Impfung auftretende Herzmuskelentzündung hervorgerufener Gewebeschaden am Herzen, der lange unbemerkt bleibt, aber nach einem längeren Intervall eine Herzinsuffizienz hervorruft oder fördert. Ob dies sich so entwickeln wird, läßt sich noch nicht sagen, ist aber prinzipiell denkbar.

Ein Beispiel einer später auffallenden Folgewirkung könnte eine Behinderung der angeborenen Immunantwort im Sinne einer Abschwächung sein, wenn bei einem gesunden Kind, das mit allen Infekten gut umgehen konnte vor der Impfung, im späteren Alter ständig Infekte auftreten und Differentialblutbild, Immunelektrophorese und Lymphozytendifferenzierung hier Schwächen nachweisen. Dämpfungen der Immunantwort bei Impfungen sind grundsätzlich als möglich bekannt, werden aber meist als eher günstig interpretiert, damit das Immunsystem bei besonders reagiblen Impflingen nicht überschießend reagiert. Sie können aber auch in einzelnen Fällen als Impfschaden interpretiert werden. Auch einzelnen Beobachtungen zu veränderten Immunreaktionen bei Pilzinfektionen sollte sorgfältig nachgegangen werden.

Bekannt ist ja auch das Auftreten von Narkolepsie nach der Schweinegrippe-Impfung mit Pandemrix® vor 11 Jahren, bei einem Erwachsenen war dies erst nach mehr als einem Jahr aufgetreten. Unter Narkolepsie leidende Patienten schlafen plötzlich und ohne erkennbaren Grund ein. Es handelt sich hierbei um gesicherte Diagnosen. Das Risiko war bei unter 20-Jährigen erhöht. Es belief sich damals auf 3,6 bis 6 zusätzliche Fälle pro 100.000 Kinder und Jugendliche als Impf-Spätfolge gegenüber der bekannten Häufigkeit von Narkolepsie in der Gesamt-Bevölkerung.

Insofern ist es für Menschen, die Sorgen vor solchen Spätfolgen haben, nicht hilfreich, wenn alle Virologen und Impfstoffentwickler betonen, dass es Spätfolgen nicht gibt. Es stimmt, dass die allermeisten Impffolgen in den ersten Wochen, den ersten 2 Monaten auftreten. Dies ist bei den verschiedensten Impfstoffen so gewesen.

Diese tatsächlich umfassende Erfahrung auf dem Gebiet der Impfungen wird nun auf die neuen mRNA-Impfstoffe übertragen, meist mit dem Hinweis, dass mRNA-Stoffe schon lange bekannt und gut erforscht seien.

Tatsächlich kennt man die mRNA-Technologie schon seit etwa 20 Jahren, aber sie war bisher keine große Erfolgsgeschichte, in einzelnen Fällen besonders zur Krebsbehandlung eingesetzt und ist vor Corona nie bei vielen Personen angewendet worden. Die Erfahrungen in dieser Technologie waren zur Impfstoffentwicklung natürlich sehr hilfreich, aber dass so wirksame und gut verträgliche Impfstoffe dabei herauskommen, konnte niemand erwarten.

Für die Impfung von Kindern ist aber auch immer im Auge zu behalten, dass das Immunsystem sich natürlich auch in der Entwicklung befindet, also weiter wache Beobachtung in der Forschung braucht.

 

Die Sorge um Veränderungen im Erbgut nach einer mRNA-Impfung

Es ist großartig, dass bei den Millionen-fach verimpften Impfstoffen nun tatsächlich so wenig Nebenwirkungen beobachtet wurden, aber eine Prognose, dass es auch keinerlei oder kaum Spätfolgen zeitigen wird, konnte und kann an sich niemand fundiert geben, da die Phase-III der Entwicklung ja nach der Teleskop-Idee in die anderen Phasen zeitlich eingeschoben war. Nun übersehen wir ein Jahr der Verimpfung und gewinnen zunehmend an Sicherheit, dass Spätfolgen immer unwahrscheinlicher werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es hier Erbgut-Veränderungen geben kann, ist äußerst gering. Was wissen wir darüber?

mRNA-Impfstoffe sollen im Zellplasma nach ihrer Vorlage das Spike-Protein produzieren, dieses Eiweiß erscheint dann an der Zelloberfläche, die Zelle wird so als infiziert erkannt und vernichtet. Die einsträngigen mRNA-Stränge gelangen aber nicht in den Zellkern, dafür müssten sie in eine zweisträngige DNA-umgeschrieben werden, die Form, in der unser Erbgut im Zellkern vorliegt.

Hierfür würden spezielle Enzyme gebraucht, die weder beim Menschen vorliegen, noch mit der mRNA des Impfstoffes mitgeliefert werden. Es gibt aber tatsächlich bei Infektionen mit Hepatitis B-Viren und Retroviren wie HIV solche Enzyme, u.a. die sogenannte Reverse Transkriptase, die eine mRNA in DNA umschreiben können. Sollte dann z.B. bei HIV-Patienten der mRNA-Strang vom Impfstoff so als DNA in den Zellkern gelangen, würde Folgendes passieren: Diese neue DNA würde wirksam werden wieder über eine mRNA, die wieder ins Zell-Plasma kommt und dann ein Spike-Protein produziert, das an die Zelloberfläche gelangt als Hinweis auf Infizierung und die ganze Zelle dann vom Immunsystem vernichtet wird. Etwaige, sehr unwahrscheinliche Schäden an der Erbsubstanz dieser Zelle wären insofern unerheblich, weil diese Zelle dies gar nicht überlebt. Dies könnte, insbesondere in Gebieten, in denen z.B. HIV häufig ist, öfter passieren, aber angesichts der nachfolgenden Zellvernichtung doch wieder ohne Bedeutung bleiben.

Corona-Virus-Bruchstücke, die durch sogenannte Zellkernporen, in den Zellkern gelangen könnten, wie experimentelle Arbeiten nahelegen, können sich dort aber nicht vermehren und werden rasch abgebaut.

Es spricht also alles dafür, dass mRNA keine Erbgutschäden anrichten kann, aber diese beiden Hinweise zeigen, dass sehr selten, glücklicherweise ohne gefährliche Folgen, doch prinzipiell Impf-mRNA und seine Bruchstücke in der vorbeschriebenen Weise Kontakt mit dem Zellkern haben können.

Die Möglichkeit von Spätfolgen bei einer neuen Impf-Technologie gänzlich zu verneinen und Menschen, die sich noch darüber sorgen für dumm oder aufklärungsbedürftig zu erklären, ist insofern aber anmaßend und wissenschaftlich nicht unterfüttert.

 

Informationen zum Impfschutz bei der Delta- und Omikron-Variante

Bei Kindern besteht, wie gesagt eine gute angeborene Immunabwehr gegen SARS-CoV-2 und bei vielen eine Kreuzimmunität durch andere durchgemachte Corona-Infektionen. Eine Impfung, die auf das Wildvirus abgestimmt und studiert wurde, kann zusätzlich einen Antikörper-Spiegel gegen das Spike-Protein ausbilden als weiteren Schutzwall, sollte die angeborene Immunität die Viren nicht ausreichend bekämpft haben, was aber sehr selten ist. Insofern bleibt die angeborene Immunität auch nach der Impfung die entscheidende Kraft, die zusätzlichen Antikörper werden meist nicht benötigt.

Werden die neutralisierenden Antikörper im Rahmen einer Infektion doch noch gebraucht, kommt es darauf an, wie lange sie bei Kindern in hoher Zahl vorhanden sind und wie stark sie auch bei den Varianten wirksam neutralisieren. Dies ist alles bei Kindern noch wenig und noch nicht in großer Zahl von infizierten Kindern untersucht, weil die meisten Infektionen ja ohne Symptome oder mild verlaufen.

Einfach zusammengestellt:

  • Die angeborene Immunität bekämpft die Corona-Viren auf der Schleimhaut sofort und macht sie in kürzester Zeit unschädlich, so dass Kinder, aber auch Jugendliche weder lange infektiös sind, noch schwere Verläufe haben. Das wird alles zusammen effektiv erledigt. Dies gilt auch für die Delta-Variante und mit großer Wahrscheinlichkeit auch für die Omikron-Variante, so dass viel dafür spricht, dass es für Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankungen keiner speziellen neuen Impfstoffe bedarf. Dies wird sich in den nächsten Monaten klären.

 

  • Neutralisierende Antikörper, die sich infolge einer Infektion oder Impfung gebildet haben, blockieren das Virus rasch, so dass sie nicht an die ACE2-Rezeptoren andocken und sich vermehren können. Hierfür ist eine ausreichend hohe Zahl der Antikörper notwendig. Diese Reaktion senkt also das Risiko, sich zu infizieren und andere anzustecken. Diese Antikörperproduktion zeigte sich bei Kindern und Jugendlichen auch nach einer Impfung mit hoher Wirksamkeit gegen das Wildvirus und die Alpha-Variante, noch gut für die Delta-Variante und bisher unbekannt, aber sehr wahrscheinlich auch für die Omikron-Variante.

 

  • Bei den Erwachsenen hat man gesehen, dass sich die Zahl der Antikörper nach 2-facher Impfung über die Zeit doch abschwächt, und zwar in höherem Alter schneller, besonders schnell bei der Delta-Variante (im Schnitt fünf Monate bei den unter 60-Jährigen, 3 Monate bei den Älteren). Bei Kindern wissen wir noch nicht, ob und in welcher Zeit sich die Zahl der Antikörper abschwächen.

 

  • Die Zahl der Antikörper lässt sich dann bei Erwachsenen mit einer dritten Impfung (Boostern) wieder deutlich erhöhen. Die Antikörperantwort ist beim Boostern nun offensichtlich breiter, so als wollte das Immunsystem nun sichergehen, dass alle Viren erfasst werden, und erfasst sowohl die Delta-Variante gut als durchaus auch die Omikron-Variante, wie aktuelle erste Untersuchungen aus der Charité hinweisend zeigen. Wie lange dieser Effekt anhält, kann natürlich noch nicht klar sein.

 

  • Bei Kindern, die ja äußerst selten am Corona-Virus erkranken, ist mit dem Begriff Wirksamkeit bei der Impfung die Bildung ausreichender Antikörper gemeint, die bei der angeborenen Immunabwehr aber ja meist gar nicht zum Einsatz kommen müssen.

 

  • Die ebenfalls durch Impfung entstehende spezielle T-Zell-Reaktion bereitet weitere Faktoren zur Bekämpfung des Virus für den Fall erneuter späterer Ansteckung vor und wenn dann die Antikörper z.B. durch zu geringe Zahl die Viren nicht mehr ausreichend blockieren sollten, kommt die T-Zell-Immunität auf den Plan und kann so effektiv in der Regel schwere Verläufe verhindern. Dies kommt wie gesagt bei Kindern und Jugendlichen aber selten zum Einsatz, da die angeborene Immunität so kraftvoll und wirksam ist.

 

Die Impfung mit dem BionTech-Impfstoff bei Kindern ab 5 Jahren und Jugendlichen ab 12 Jahren ist also im individuellen Nutzen gegen das Risiko schwerer Erkrankung und Folgeschäden bei Infektion für ein Kind abzuwägen.

Eine auffällige Auswirkung von Infektionen im Kinder- und Jugend-Alter auf die epidemiologische Lage findet nicht statt, wie alle Studien international hierzu und auch in Deutschland zeigen. Kinder sind also keine Pandemietreiber. Daher dürfen Kinder-Inzidenzen auch nicht als Argument für eine als notwendig angesehene Impfquote genutzt werden.

Hohe Kinder-Inzidenzen haben im Übrigen nirgendwo in Europa zu aus den Kinderpopulationen heraus sich entwickelnden Mutationen geführt. Insofern muss hier eine streng individuelle Abwägung mit Beratung durch Kinderärzte stattfinden.

Weiterhin dürfen aufgrund der sehr seltenen Ausprägung schwerer Verläufe im Kindes- und Jugendlichen-Alter keine Einschränkungen von Alltags-Begegnungen und -Bewegungen stattfinden, also keine Schulschließungen, freier Zugang zu Sportmöglichkeiten, offene Jugend-Einrichtungen usw.

Eltern, Erzieher, Lehrer und Betreuer mit Sorge, dass sie von Kindern angesteckt werden könnten, sollten sich impfen lassen, wenn Ihnen das Risiko eigener Erkrankung zu groß erscheint. Hinweisen möchte ich aber schon hier, dass das Risiko von Menschen unter 50 Jahren ohne Vorerkrankungen einen schweren Verlauf unter Corona-Infektion zu haben, gering ist, auch wenn es als individuelle, emotional sehr beeindruckende Erfahrung im eigenen Umfeld auftreten kann bzw. in besonderer medialer Präsentation fälschlich als gehäuft oder sogar als inzwischen als normale Häufigkeit erscheint.

Das ist aber nicht der Fall, das Risiko von Erwachsenen unter 50 Jahren an Corona schwer zu erkranken liegt bei unter 1 %, das Sterberisiko weit darunter.

Long Covid-Entwicklung bei Erwachsenen wird bei etwa 4 Millionen Infektionsfällen (mit Dunkelziffer vermutlich mehr als 6 Millionen) in der Gruppe der 18-59-Jährigen in 22 Monaten der Pandemie mit sehr unterschiedlichen Zahlen in den Studien angegeben, zwischen unter 2 und 13%, also zwischen 100.000 und 800.000 Fällen bei etwa gut 40 Millionen Menschen dieser Altersgruppe. In den meisten Fällen war die Symptomatik innerhalb von 3 Monaten ausgeheilt. Auch bei den Menschen, bei denen es länger dauerte, handelte es sich meistens um ein Überdauern von Symptomen in geringerer Schwere. Die Zahl der Menschen mit schwerer langanhaltender Symptomatik, die wir und andere im Krankenhaus behandeln, ist deutlich geringer.

Long Covid ist für diese Fälle aber sehr ernst zu nehmen, u.a. psychosomatische Behandlungen erweisen sich dabei aber als gut wirksam, die Forschungs-bemühungen und die Erfahrungen aus den Behandlungen werden hier weitere Klarheit in definitorischer Abgrenzung zu anderen Erkrankungen und Diagnostik von Long Covid bringen und verbesserte individuelle Behandlungs-Settings in den Therapien. Nähere Informationen können sich Interessierte auch unter www.gezeitenhaus.de anschauen.

Long Covid-Verläufe werden durch Impfung in der Regel verhindert, sofern keine Durchbruchsinfektion stattfindet. Sinnvolle präventive Massnahmen, die schwere Verläufe und Long Covid bei Ungeimpften abschwächen oder verhindern, werden sich in den nächsten Monaten sicherlich ebenfalls herauskristallisieren.

Hierzu werden vermutlich gesunde Ernährung, ausreichende Bewegung, Achtsamkeitspraktiken wie Qigong, Meditation, Yoga, ausreichend Schlaf und gutes eigenes Stress-Management gehören. Die starke Wirkung speziell der Achtsamkeitspraktiken auf die Vitalität des Immunsystems ist insbesondere auch durch Forschungen des MIT (Massachusetts Institut of Technology) gemeinsam mit der Harvard-Universität, USA, öffentlich gemacht worden. Hierüber haben wir in den Gezeiten Haus Kliniken ebenfalls jahrzehntelange Erfahrung.

Insofern wird jeder für sich eine durchaus realistische, individuelle  Risikoabschätzung  auch durch Lebensstil und Lebenspflege gestalten können.

 

Kontakt von Enkeln zu Großeltern

Bei dem Kontakt der Enkelkinder zu ihren Großeltern ist zu unterscheiden, ob die Großeltern in den Alltag der Kinder eingebunden sind. Dann ist im Falle guter Gesundheit der Großeltern anzunehmen, dass ihr Immunsystem durch die Enkel in einem aktivierten Zustand gehalten wird, so dass sie auch in ihrem Alter viele Viren ausreichend gut bekämpfen können. Die Kinder sollten sich ebenso wie die Großeltern aber konsequent testen, egal ob die Kinder oder Großeltern geimpft oder ungeimpft sind.

Bei Großeltern, die vielleicht nur 2 oder 3 mal im Jahr besucht werden, ist sehr darauf zu achten, dass die Kinder nicht verschnupft oder fiebrig sind. Dann sollte der Besuch verschoben werden. In jedem Falle sollten sich alle Beteiligten vor dem Besuch testen.

Bei Großeltern mit Vorerkrankungen, die nicht geimpft werden können und im gemeinsamen Haushalt oder großer Alltags-Nähe zu den Enkeln leben, gilt die STIKO-Empfehlung: Dann sollten die Kinder geimpft werden.

Eine Impfung der Großeltern, insbesondere bei Vorerkrankungen, kann für den Kontakt Entlastung bringen, allerdings muss durch eine Blutuntersuchung ausgeschlossen werden, dass sie Non-Responder sind, also möglicherweise keine oder nur wenig Antikörperbildung nach der Impfung stattgefunden hat. Ebenfalls sollte beachtet werden, dass eine 2-malige Impfung offensichtlich bei der Delta-Variante im höheren Alter nur etwa drei Monate ausreichend Schutz vor Infektion bietet. Das Boostern hat dann allerdings auch bei älteren Menschen eine sehr gute Anregung einer breiten Antikörperbildung zur Folge, die sich auch auf die Delta-Variante und nach derzeitigem Forschungsstand vermutlich auch auf die Omikron-Variante erstreckt. Wie lange eine Boosterwirkung bei älteren Menschen anhält ist noch nicht bekannt.

Angesichts der hohen Bedeutung dieses Generationen-Kontakts für die allgemeine Gesundheit der Alten und der Entwicklung der Kinder sollte dieser Kontakt unbedingt, aber getestet, stattfinden und möglichst nicht aus Angst unterbleiben. Mit diesen Hinweisen ist die Begegnung der Großeltern mit den Enkelkindern im Allgemeinen gut zu händeln.

 

 

 

Was wir von der Omikron-Variante wissen

In Großbritannien und Dänemark ist die Omikron-Variante bereits dominant. Die Inzidenzen steigen stark an, eine Zunahme von Sterbefällen wurde bisher nicht beobachtet. Die Gesundheitssysteme wurden bisher nicht überlastet. Das deutet einen milderen Verlauf bei Infektion mit Omikron an. Ob dies nur für bereits Geimpfte gilt oder auch bei Ungeimpften milder verläuft, ist noch nicht ersichtlich. Laborexperimente geben Hinweise auf eine gute Wirkung der dritten Impfung, also des Boosterns, mit mRNA-Impfstoffen. Für andere Impfstoffe wird dies erst noch geprüft. Dies muss sich aber auch außerhalb des Labors als im Alltag wirksam zeigen.

Sollte sich die Omikron-Variante aber doch als gefährlicher herausstellen, müssen Empfehlungen für Impfungen, Medikamente und Kontaktverhalten sowohl für Kinder als auch Erwachsene für Familie, Schule und Alltag natürlich überprüft und angepasst werden. Dies werde ich für diesen Kompass Teil I dann gegebenenfalls als Update im Rahmen des Teil II im Februar 2022 machen. Darin werde ich auch das Thema der in die Diskussion gekommenen Impfpflicht, gerade im Hinblick auf die Omikron-Variante, mit erörtern.

 

Fazit

Eltern können nicht so viel falsch machen, ob sie ihre Kinder nun impfen lassen oder nicht.

Eine hervorragender, individueller Nutzen der Impfung im Kindesalter ist aufgrund der sehr seltenen schweren Verläufe und Komplikationen und bei der im allgemeinen sehr vitalen angeborenen Immunabwehr bei Kindern nicht unbedingt gegeben, die Impfung aber nach dem bisherigen Stand der Forschung auch gut verträglich. Insofern ist die aktuelle STIKO-Empfehlung für die 5-11-Jährigen eine gute Leitschnur.

Ein Verzweifeln von Eltern bei einem späten Impftermin für ihr Kind infolge des aktuell großen Andrangs ist insofern nicht nötig und sollte nicht als Angst auf die Kinder übergehen. Abwarten ist in diesem Sinne für Eltern also ebenfalls eine verantwortungsvolle Option.

 

 

Autor: Manfred Nelting

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Wahlentscheidungen der Senioren am 26. September 2021 – bekommen sie, was sie wollen und brauchen?

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Autor: Manfred Nelting

04.09.2021

Die über 70-Jährigen machen mittlerweile ein gutes Fünftel der Wahlberechtigten aus und, da die Wahlbeteiligung in dieser Gruppe in der Regel hoch ist, sind es wohl ein gutes Viertel der Wähler. Sie werden diese Wahl vermutlich entscheiden.

 

Wir sehen hier zwei Gruppen: die Älteren, die den Krieg als Kinder miterlebt haben, und die 70- bis 75-Jährigen, die sogenannten 68iger, von denen viele auch gegen den Vietnamkrieg und für die Friedensbewegung eingetreten sind. Die erstere Gruppe hatte traditionell oft Adenauer und die CDU gewählt, die zweite Gruppe eher Willy Brandt und die SPD.

In der ersten Gruppe sorgen sich viele um die Sicherheit, für die lange die CDU und zuletzt lange Angela Merkel stand – „Sie kennen mich“ war der Slogan. Viele von ihnen waren Kriegs-traumatisiert und 2015 in der Geflüchteten-Welle haben die Bilder im Fernsehen viele Traumata reaktiviert. Wir haben in den geriatrischen Abteilungen unserer Gezeiten Haus Kliniken viele dieser Menschen behandelt, Angela Merkel war für viele ein Sicherungsversprechen in ihren Ängsten. Aber die Ära Merkel ist nun vorbei, was bedeutet das für diese Älteren? Viele fragen sich, durchaus ängstlich, ob es noch die CDU sein kann, weil alte Antworten in neuen Zeiten oft nicht mehr wirklich passen.

Die 68-iger Generation ist beginnend mit Hoffnungen auf Frieden aufgewachsen, ein Engagement war in ihrer Erfahrung lohnenswert. Materiell zunehmend gesichert, gab es insgesamt eine Offenheit für Neues, für Innovatives und das bis heute. Hier findet sich auch heute ein großes Potential an Aufmerksamkeit für klimapolitische Themen und immer noch an Friedenspolitik.

 

Zustand der Erde heute

Die Situation der Gesellschaft und der Erde hat sich jedoch völlig verändert. In den letzten 30 Jahren hat sich die Ausbeutung der Ressourcen der Erde dramatisch erhöht; der CO2-Ausstoß stieg exponentiell, gleichzeitig wurden viele natürliche CO2-Speicher wie Urwälder, Moorlandschaften und Humusböden im großen Stil geopfert, Meere in dieser Funktion ausgebremst, Walpopulationen dezimiert und Bodenflächen exzessiv versiegelt. Die Artenvielfalt ging dramatisch zurück, natürliche Lebensräume werden zunehmend zerstört, Pandemien stellen uns vor unbekannte Herausforderungen, internationale Transporte und Flugverkehr bringen Pflanzen, Tiere, Viren und Insekten in Verteilung über den gesamten Globus, vielfach breiten sie sich dort ohne natürliche Feinde unter Gesundheitsgefahren aus.

Diese Entwicklung konnte stattfinden, da die Politik dem Druck der multinationalen Konzerne und der Finanzwirtschaft zugunsten einer neoliberalen Wachstumswirtschaft nachgab und so Profitinteressen Priorität gegenüber Gemeinwohlschutz der Gesellschaft gewonnen haben, gleichzeitig Politik an regulatorischer Kraft verlor (Politik als zahnloser Tiger).

Im Beginn der Ära Merkel schien diese Rechnung durch Wohlstandszuwachs noch aufzugehen, dann aber kippte die Situation zunehmend, die Schere zwischen arm und reich klappte immer weiter auf, eine katastrophale Entwicklung im Klimageschehen kam jetzt auch in Deutschland ins Erleben, was vorauszusehen war, aber in der Großen Koalition nicht auf die Tagesordnung kam.

Nun stehen wir vor noch nie dagewesenen Herausforderungen. Sie treffen uns auf schlecht bestelltem Boden. Die Gesellschaft wurde durch die bisherige Koalitionspolitik nicht auf diese neue Zeit vorbereitet, vielmehr systemkonform blockiert. Ein weitsichtig aktiv gestalteter Wandel mit Ausbalancierung von Profitinteressen und Gemeinwohl, wie es das Grundgesetz in § 14, Abs. 2 vorsieht – „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ – fand nicht statt. Die krisenhafte Klimasituation hat sich allerdings beschleunigt entwickelt und nicht darauf gewartet, dass Politik die Gesellschaft darauf einstellt. CDU und SPD haben hier grandios versagt.

 

Umgang mit der neuen Lage

Es wird hier aber immer noch so getan, als wäre die neue Situation mit der Erde und der Atmosphäre verhandelbar und auf der Grundlage einer ‚Bezahlbarkeit‘ in der Kostenrechnung ‚vernünftig‘ zu begrenzen. Dies ist jedoch ein grundlegender Irrtum, alles, was jetzt nicht an Aufwand betrieben wird, wird später um ein Vielfaches teurer.

Im bisherigen System denkblockierte Politiker müssten erklären, wieso Bezahlbarkeit auf der Grundlage der unsinnigen Erhaltung der bestehenden Ungleichheit in der Eigentums- und Einkommensverteilung eine ernstzunehmende Kategorie sein kann. Das können sie allerdings nicht. Denn es gibt genug Geld im Umlauf, allerdings bewegt von anderen Kräften, die wieder an die Gemeinwohlverpflichtung angebunden werden müssen.

Die Regierung ist eingezwängt zwischen lobbyistischen Wirtschafts-Beratern, die vielfach auch eigene Interessen in Gesetzesentwürfen durchsetzen, und einer beharrenden Ministerialbürokratie, die wenig eigene Wandlungsimpulse kreiert bzw. nicht für notwendig hält. Es ist nicht zu erwarten, dass die Koalitionsparteien sich in ihrer Haltung grundsätzlich ändern werden, sie werden, sofern sie einen Regierungsauftrag bekommen, die Dinge vermutlich so weiterlaufen lassen wie Angela Merkel und dann, wenn sie merken, dass bestimmte Themen in der Gesellschaft sich wandeln oder toxisch werden, hier ein hinterherlaufendes Krisenmanagement durchführen, das sie sich dann als Meriten anheften.

Der Verweis auf notwendige Investitionen zu technologischen Innovationen (alle Parteien) klemmt, weil sich wirksame Alltagsreife vermutlich erst spät einstellen wird, wir aber jetzt reagieren müssen. Natürlich werden technologische Innovationen, sobald sie einsatzfähig sind, dann sinnvoll und hilfreich sein und die Erreichung klimapolitischer Ziele mit ermöglichen. Z.B. könnten Wasserstoff-betriebene Autos die E-Mobilität zum Teil früher ablösen als erwartet. Aber wir sollten nicht in Erwartung möglicher technischer Lösungen bei anderen wirksamen Maßnahmen die Hände in den Schoss legen.

Es ist nun an sich weder als Wähler noch als Partei nötig, erklären zu müssen, wieso der notwendige gesellschaftliche Umbau zur Erreichung des 1,5 Grad-Ziels der Erderwärmung sofort begonnen werden muss als zentrale Priorität für alle und das dabei lebenswerte Bedingungen für alle Menschen erklärtes Ziel schon auf dem Umwandlungsweg sein müssen. Dies müsste sich in allen Parteiprogrammen zwingend wiederfinden, wir finden es aber im Wesentlichen nicht. Gewisse Ausnahme ist dabei das Programm der Grünen, das vermutlich so aufgestellt ist, dass man noch Wahlchancen hat, aber später natürlich konsequent nachbessern muss. Denn wie gesagt, das Klima verhandelt nicht, sondern folgt physikalischen Gesetzen, die wir als Menschen für unsere Lebensbedingungen folgenreich und ungünstig in ihren Rückwirkungen gestaltet haben.

 

Situation und Interessen älterer Menschen

Ältere Menschen sind nun verunsichert, welche Partei ihre Interessen in den letzten Lebens-Jahren oder -Jahrzehnten nun eigentlich vertreten könnte. Sicherheit wie früher scheint es nicht mehr zu geben, noch nicht einmal materiell sind alle gut abgesichert.

Sie haben gesehen, dass die Pandemie schonungslos aufgedeckt und offensichtlich gemacht hat, was schon vorher im Argen lag. Denn alle für die Gesellschaft wesentlichen Bereiche, egal ob Pflegepersonal in Krankenhaus und Altenheimen, Erzieherinnen, Polizistinnen, Lehrer und viele andere, waren aus Profitinteressen unterbezahlt und die Personalstärke auf Kante genäht. Das hatten allerdings insbesondere ältere Menschen bereits vielfach am eigenen Leibe erlebt. Gemeinwohlorientierung sieht anders aus. Und dies gilt für alte Menschen gleichermaßen wie für Kinder (1), die als Enkel im Blick der alten Menschen sind.

Die Lebenserwartung von Menschen in armen Stadtteilen wie Köln-Chorweiler oder Hamburg-Veddel war und ist deutlich geringer, z.B. in Hamburg-Veddel vor der Pandemie zehn bis 15 Jahre geringer als in den reichen Stadtteilen von Hamburg, worüber wenig gesprochen wird. Dort in Veddel hat sich die Pandemie auch für viele bedrohlicher abgespielt.

 

Informative Hilfen zur Wahlentscheidung

Wie können sich ältere Menschen nun informieren, welche Partei oder welche Abgeordneten sie nun wählen könnten, gerade in der Zeit von Fake News und gehäufter Fehlinformation? Hier wurde nun für die Fernseh-Trielle (in Anlehnung an Duelle) der drei Kanzlerkandidat*innen geworben. War das hilfreich? Aus meiner Sicht überhaupt nicht.

Das Format des Triells  ‚Wer kann es besser‘ hat eine nicht vorhandene Verhandelbarkeit der neuen Herausforderungen zur zentralen Ebene gemacht und das Ignorieren des Ernstes der Lage und eines ernsthaften Umgangs damit versucht gesellschaftsfähig zu machen. Die Kandidatin und die Kandidaten haben sich dem unterworfen, so wurde das Triell zum absurden Theater.

Die älteren Wähler konnten sich nicht wirklich informieren, sondern allein Zuschauer einer RTL-Show sein, wer die beste Performance auf systemimmanente, somit für das große Thema eines Wandlungsprozesses unsinnige Fragen zeigte. Allenfalls Sympathie-Punkte konnten verteilt werden.

Eine notwendige Klimapolitik steht über Parteiinteressen, im Wandlungsprozess der Gesellschaft muss allen Parteien an sich klar sein, dass alle Menschen mitgenommen werden müssen bzw. mitkommen dürfen, eben auch gerade alte Menschen. Offensichtlich ist dies noch kein gesellschaftlicher Konsens, wird zukünftig allerdings unfreiwillig erzwungen werden durch erlebbare Folgen des Temperaturanstiegs im globalen Klima. Stattdessen gibt es darüber aber einen unsinnigen Schlagabtausch ohne informativen Gehalt.

Wenn wir trotzdem einmal anschauen, was an Informationsgehalt im Triell verborgen war, so ist festzuhalten, dass alle drei Personen, die Kanzler*innenschaft anstreben, Angst vorm Wähler haben, wobei Annalena Baerbock den Wählerinnen noch am ehesten Wahrheiten zuzutrauen scheint. Versäumnisse sehen alle bei Anderen. Eine selbstkritische Haltung, die sagt, dass wir nun anders handeln müssen, da wir uns in Sackgassen manövriert haben, ist bei Armin Laschet und Olaf Scholz kaum zu finden.

 

Kanzlerkandidaten

Da es hier offensichtlich mehr um Personen als um Programme geht, lohnt es sich die Personen und ihr Verhältnis zu ihren Parteien näher anzuschauen. Armin Laschet und Olaf Scholz sind beides Politiker, die eine neoliberale Wachstumswirtschaft befürworten. Sie tun weiter so, als seien sie wirksam handelnde Personen und nehmen kaum noch wahr, dass sie und ihre Vorgänger sich selbst entmachtet haben durch die Entfesselung von sinnvollen wirtschaftlichen Regularien, die das Gemeinwohl im Blick hatten. Diese gilt es also zurückzuerobern durch eine zukünftige Bundes-Regierung und Bundestag.

Schauen wir uns das Verhältnis der Parteien zu ihren Kandidaten an:

Armin Laschet wird in seiner Partei nicht wirklich unterstützt. So, wie die Partei innerlich empfindet, wird eine andere Art der Machtpräsentation gewünscht.

Olaf Scholz macht eine One-Man-Show mit einem gespielten Alter Ego, wie die Partei es fordert. Aber er hat die Partei nicht wirklich hinter sich, denn er steht eher für neoliberale als traditionell sozialdemokratische Positionen. Insofern bleibt unklar, was sich nach der Wahl durchsetzt.

Neoliberale Positionen, wie sie z.B. auch die FDP hat, setzen aber bisher zentral auf unsichere Konzepte zu möglichen technologischen Innovationen in der Zukunft, nicht für beherztes sofortiges Handeln, um die Folgen der Erderwärmung für die Bürger so gering wie möglich zu halten. Diese einseitige Orientierung könnte gefährliche Folgen für unser Leben haben. Eine niedrige CO2-Bepreisung in unbedeutender Lenkungswirksamkeit dient dabei als Mäntelchen von Klimavernunft.

Annalena Baerbock hat die Partei sicherlich gut hinter sich, Robert Habeck ist sichtbar bei ihr, aber sie hat wie viele in ihrem Alter die Neigung zur schönenden Selbstdarstellung, was durch die sozialen Medien allerdings in breiten Teilen der Gesellschaft üblich ist. Das ist in Bezug auf die zukünftigen Herausforderungen aus meiner Sicht aber nicht wirklich erheblich, weil sich ihr Blick auf den Klima-Wandel dadurch nicht verstellt hat. In einer Kanzlerschaft wird auch sie sich natürlich mit den verhindernden und im Alten beharrenden Kräften auseinander zu setzen bzw. zusammen zu setzen haben. Inwieweit ihre Partei lieber Robert Habeck als Kanzlerkandidaten gehabt hätte, bleibt unklar.

Keiner der drei Kandidat*innen ist auf die gerade beschriebene seit längerem ungesunde Verfassung unserer Gesellschaft eingegangen, dabei hat auch die Corona-Pandemie sich auf diesem ungesunden Terrain erst so folgenreich entwickeln können.

 

Klimapolitik ist überparteilich

Alle Parteien werden klimapolitisch in gleicher Weise tätig werden müssen. Sofern hier aber verzögert wird im Interesse von noch vorrangig wirkenden Profitinteressen großer Global Player, werden die Maßnahmen später einschneidender ausfallen und die notwendigen Klimaziele für lebenswerte Lebensbedingungen schwerer oder nur zum Teil erreicht werden können.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Regierenden aufgefordert, die Bedürfnisse der jungen Menschen angemessen zu beachten und Maßnahmen nach 2030 zu konkretisieren. Dies wurde rasch umgesetzt in einem neuen Gesetz, was ich in großen Teilen für Kosmetik halte.

Die Parteien streiten sich nun um Details, obwohl z.B. alle zusammen einen etwas dynamischeren CO2-Preis beschlossen haben, der die Benzinpreise erhöhen wird. Allen ist auch klar, dass diese Erhöhung für Menschen mit niedrigen oder prekären Einkommen sozial abgefedert werden muss und kann. Aber bezüglich der Rückflüsse von Geld aus den CO2-Einnahmen des Staates zu den Bürgern werden unsinnige Kontroversen entfacht, Klarheiten vielfach vermieden, und die Benzinpreiserhöhung fälschlich als unsoziale grüne Idee angegriffen.

Also, alle Parteien werden das gleiche klimapolitischen Ziel, also die Begrenzung der Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad ansteuern müssen.

 

Klimapolitik und Lebensqualität

Wird konsequentes klimapolitisches Handeln das Leben nun hauptsächlich einschränken oder vielmehr die Lebensqualität bestmöglich bewahren oder sogar verbessern?

Schauen wir uns exemplarisch klimapolitische Themen aus zwei Bereichen an, was sie für ältere Bürger bedeuten können: Stadtentwicklung und Massentierhaltung.

 

Beispiel Stadtentwicklung

Wir wissen, dass die Städte sich im Sommer stark aufheizen, wir mussten in heißen Sommern viele Hitzetote unter den Senioren beklagen, dies wird sich zukünftig noch verstärken. So kann es also nicht bleiben. Städteplaner wissen, dass die Städte nun intensiv begrünt werden müssen, versiegelte Flächen, u.a. Parkraum für Autos, verringert und Parks-, Spielflächen und Fahrradwege großzügig angelegt werden müssen. Fassaden von Häusern müssen dabei auch entsprechend verändert werden, dass sie nicht zur Aufheizung beitragen, sondern diese bestenfalls verringert.

In den Städten wird es eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/Std. geben, die es rüstigen Senioren ermöglichen wird, gefahrlos Fahrrad zu fahren. Alle älteren Menschen können dann die Straßen überqueren ohne sich im Tempo gehetzt zu überfordern. Senioren, die noch Auto fahren, werden dies auch weiter tun können, in der Stadt und vom Land zur Stadt, aber komfortabler wird nachhaltige Mobilität durch neue kostenlose Kleinbus- und preiswerte Taxen-Systeme ermöglicht werden. Dazu gehört auch in allen Stadtteilen größerer Städte Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Apotheken und z.B. Friseure anzusiedeln, die fussläufig erreicht werden können. Insgesamt führt das zusammengenommen zu einer Verkehrsberuhigung und zu weniger CO2-Emmisionen aus verschiedenen Quellen.. So ergibt sich eine bessere Lebensqualität durch reale Umsetzung der Herausforderung, dass unsere Städte sich nicht aufheizen dürfen.

Andere Themen wie erschwingliche Mieten und energetische Sanierung von Häusern mit Solarprogrammen auf Dächern müssen ebenfalls umgesetzt werden.

 

Beispiel Massentierhaltung

Die Massentierhaltung ist eine bedeutsame Quelle von Emissionen geworden, die das Klima aufheizen. Ist es für die Zukunft tatsächlich ein Freiheitsaspekt täglich Fleisch zu essen? Aus ärztlicher Sicht sind hier Gesundheitsaspekte anzuführen, die dies fraglich erscheinen lassen. Tägliches Essen von rotem Fleisch, also vom Schwein und vom Rind, ist stark mit der Entwicklung bzw. Verschlechterung von Diabetes Typ 2, dem sogenannten Altersdiabetes, assoziiert. Es spielt hier nicht nur der Zucker eine Rolle. Und für die Blutgefäße ist es relevant, dass täglicher Fleischkonsum Entzündungsreaktionen bewirkt, die Arteriosklerose fördern. Weiterhin werden durch unkontrollierte Gabe von Antibiotika in der Fleischmast und Tierbehandlung antibiotikaresistente Keime gezüchtet, die gerade Senioren in der Behandlung z.B. von Lungenentzündungen und Wunden, sowie nach Operationen gefährden.

Aus meiner Sicht ist diese Freiheit zu täglichem Fleisch keine sehr klug genutzte Freiheit, insbesondere, wenn man noch Tierwohl und Klimawirkung bedenkt. Mäßigung im Fleischgenuss und dann eben seltener Fleisch, aber dann von ökologisch gehaltenen Weidetieren, ist gesünder, dann vielleicht wie ein Festessen und erscheint mir einfach als Lebensqualität, die sich im Grunde aus Liebe zu sich selbst entwickelt.

Auch hier in der Agrarindustrie bei Tieren und Pflanzen gilt es EU-Zahlungen noch viel stärker an ökologische Kriterien anzubinden, Permakulturen zu ermöglichen und das Sterben von kleinen Bauernhöfen zu verhindern.

 

 

Einschränkungen und Gewinne in der Lebensführung

Solche Beispiele lassen sich beliebig weiter fortführen. Aber auch, wenn im Klimawandel und guter Klimapolitik Gewohnheiten nicht immer wie bisher weitergeführt werden können - das wird sicherlich auch so sein und nicht immer einfach - so bedeuten sie ja nur dann Verzicht und Einschränkung, wenn ich das nicht bejahen kann im Hinblick auf größere Ziele und mit Blick auf das, was ich dadurch gewinne. Eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich von Profitmaximierung abkehrt und hin zu Gemeinwohlökonomie orientiert, führt zur Stärkung menschlicher Beziehungen, läßt die Gemeinschaft aufatmen und generiert Impulse, die menschliche Begegnungen von Warenbeziehungen wieder zu empathischen Kontakten und liebevollem Zusammensein führt. Dies betrifft die ganze Gesellschaft, ganz besonders auch das gefährdete Kindeswohl (1).

Alter kann dann wieder gewürdigt werden, ältere Menschen können wieder mehr am Leben teilnehmen, empathischer versorgt werden, aber auch mit der Weisheit des Alters den Jüngeren, den Enkeln wieder viel geben. Auch mit Sinn- und spirituellen Fragen haben sie sich vielfach tief auseinandergesetzt und bereichern so die Gesellschaft. Dies geht mit nur versorgenden effizienzorientierten institutionellen bzw. technischen Beziehungen (alte Menschen als Kostenpositionen) alles nicht. Zu guter Klimapolitik gehört eben auch die Überwindung gesellschaftlicher Spaltungen und eine Förderung von Kooperation anstelle von erschöpfender Konkurrenz im Wirtschaftsleben. Hierzu ist es auch wichtig, dass wir genug Altenpfleger*innen haben die gut ausgebildet und bezahlt werden und sich in freudvoller und befruchtender Kommunikation mit den alten Menschen befinden. Ich habe andernorts beschrieben, wie dann mit ausreichend Zeit auch echte Gesundheitsförderung und Immunstärkung alter Menschen erreicht werden kann, z.B. mit dem Üben altersangemessener QiGong-Übungen unter Anleitung von Altenpflegern, die dies in ihrer Ausbildung erlernen sollten (1). Wenn die Gesellschaft aus ihrer Rastlosigkeit herauskommen will, ist QiGong übrigens eine für Menschen in jedem Alter geeignete Unterstützung.

 

Gedanken zu Annalena Baerbock

Am ehesten scheinen mir die Interessen alter Menschen in einer Kanzlerschaft von Annalena Baerbock aufgehoben, auch wenn sie selbst gesellschaftliche Utopien wenig skizziert, dies eher Robert Habeck überlässt. Verzögerungen und Inkonsequenzen im weitsichtigen Handeln wird es ja allein schon durch die Koalitionsverträge geben, das sollte nicht durch die Wahl einer der systembedingt bremsenden beiden anderen Kanzlerkandidaten zum Kanzler noch verstärkt werden.

Sie steht als Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern mitten im Leben und ist familiär gefestigt. Darüber hinaus hat sie sich als Co-Vorsitzende der Grünen bewährt und hat gezeigt, dass sie mit Robert Habeck kooperativ führen kann, also die für die Zukunft wichtige Teamfähigkeit besitzt.. Solcherart Lebens-Erfahrung ist mir persönlich lieber als die jahrzehntelange politische Systemprägung der beiden anderen Kandidaten, die in der von mir empfundenen ‚Leblosigkeit‘ ihrer politischen Attitüde, die hauptsächlich sich selbst als Führungsfiguren bespiegeln, kein hilfreiches Vorbild beim Aufbruch in eine neue Zeit sein würden.

Die Diskussion um ihr noch junges Alter in Bezug auf das Kanzlerinnenamt finde ich unangemessen, Kanzler Sebastian Kurz aus Österreich ist deutlich jünger, Emmanuel Macron, der französische Präsident, war ebenfalls jünger, als er ins Präsidentenamt einzog. Auch sie fanden ihren Weg in ihrem Land, in der EU und überhaupt auf dem internationalen Parkett. Die Akzeptanz von Angela Merkel international hat ja hier für Frauen den Weg gut geebnet.

 

Nach der Wahl

Es bleibt natürlich, dass auch nach der Wahl der Druck von der Straße, z.B. durch ‚Fridays for Future‘ und allen engagierten Kräften in der Bevölkerung, noch lange gebraucht werden wird, um den Kurs für lebenswerte Verhältnisse auf der Erde zu halten, egal wie die Wahl ausgeht. Die Zivilbevölkerung ist in den nächsten 4 Jahren mehr denn je gefordert politisch als Bürger präsent zu sein, um die recht ausgeleierte Demokratie wieder bürgernah zu erfrischen. Die Alten, zu denen ich mit 71 Jahren auch gehöre, werden dazu unbedingt gebraucht. Ich wünsche allen eine für sie im Herzen gut gewogene Entscheidung bei der Wahl.

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Hamsterrad oder Sinnhaftigkeit? Fritjof Nelting über das Glück

Autor: Fritjof Nelting

26. Juli 2021

Glück aus Sicht der Lebenskrise

Wir, als Familie, haben in den letzten dreißig Jahren viele tausend Menschen stationär in Lebenskrisen begleitet. Wir erleben jeden Tag, was es bedeuten kann, wenn Glück (vermeintlich) nicht mehr vorhanden ist oder nicht mehr gespürt wird. Wir kennen Lebenskrisen (auch persönlich) und wir kennen die manchmal sehr schweren Verläufe und Schicksale, die damit verbunden sind. Und genauso können wir viele Geschichten vom Wiederfinden des Glücks erzählen. So, wie wir täglich erleben, dass Menschen das Glück verlieren, so erleben wir ebenso häufig, wie das Glück und der Sinn im Leben wiedergefunden werden.

 

Ich möchte gleich am Anfang sagen, dass dies zu meinem ganz persönlichen Glück gehört; Menschen, die zunächst ohne eigene Hoffnung waren, zu erleben wie sie Ihr Glück (wieder-)finden bzw. Orte zu schaffen, in denen das möglich wird. Einen Menschen zu erleben, der erkennt, wie das eigene Unglück und die eigene Krise zum Referenzwert für andere werden kann und welche positive Kraft davon ausgehen kann. Einen Menschen zu erleben, der zum Vorbild wird und sich der Verantwortung in unserer Gesellschaft stellen möchte, um zukünftigen Generationen Halt zu geben. Das bedeutet für mich ein großes Glück. Einen Beruf zu haben, bei dem ich meinem eigenen Zweck der Existenz gerecht werden kann.

 

Doch wie viele Menschen haben eine Idee davon, warum sie eigentlich auf der Welt sind, wofür es sich zu leben lohnt? In unseren Kliniken stellen wir Tag für Tag fest, dass ein gesundes und glückliches Leben immer schwieriger wird, je weniger wir diese Frage für uns beantworten können. Und wir müssen auch feststellen, dass die Rahmenbedingungen in unserer sogenannten modernen Gesellschaft es immer schwieriger machen, dass Menschen sich mit dieser Frage auseinander setzen. Unser Leben wird in so vielen Fällen von gesellschaftlichen Normen, Konsum, Notwendigkeiten, (wirtschaftlichen) Zwängen und nicht selten auch von Angst bestimmt, so dass die eigentliche Frage nach dem Glück und dem Sinn im Leben oft gar nicht mehr gestellt wird oder nicht mehr gestellt werden kann. Es gibt den schönen Satz: „Aus der Innenperspektive sieht das Hamsterrad auch aus, wie eine Karriereleiter“. Und dieser Satz beschreibt einen großen Teil des Dilemmas sehr anschaulich. Wenn wir uns nicht einmal bewusst sind darüber, dass wir in einem Hamsterrad sind, dann stellen wir uns auch nicht die Frage nach der Sinnhaftigkeit sich auf der immer gleichen Stelle zu verausgaben. Menschen, die in unseren Kliniken als Patienten ankommen, sind sich mehr oder weniger bewusst, dass sie in einem Hamsterrad sind oder waren. Allerdings haben sie dies festgestellt in dem sie sich im Hamsterrad überschlagen haben und auf ziemlich harte Weise aus ihm rausgeschleudert wurden – willkommen in der Lebenskrise. Die gute Nachricht ist diese: Es ist praktisch egal, an welchem Punkt im Leben wir aus dem Hamsterrad des Lebens geschleudert werden. Es gibt immer Möglichkeiten hin zu einem lebenswerten Leben. Aber der Aufwand und die Dauer dieses Prozesses werden immer größer, je später bzw. je schwächer ich mit diesem Prozess beginne. Und auf der gesellschaftlichen Makroebene können wir feststellen, dass zu viele Menschen in zu kurzer Zeit aus dem Leben geschleudert werden, so dass gesellschaftliche Entwicklung und auch Unterstützung für gesunde Entwicklung aller immer schwieriger wird. Ob die Eltern und Großeltern aufgrund von eigener Krankheit nicht mehr für die Kinder und Enkel da sein können, ob die Lehrer*innen und Erzieher*innen in zunehmender Überforderung nicht mehr für die Entwicklung der Kinder da sein können, ob Politiker und Wirtschaftsbosse angstgesteuert und ohne Überblick Innovationen und klare Richtungen verhindern oder ob müde Freunde nicht mehr an meiner Seite sind um soziale Netze zu bilden – all dies sind Beispiele für destruktive Entwicklungen, wenn zu viele Menschen in zu kurzer Zeit in Lebenskrisen geraten. Es macht also sehr viel SINN und auch sehr viel Freude sich früher mit diesen Themen zu beschäftigen.

 

Wenn es uns früher möglich wäre, einen Blick auf uns selbst im Hamsterrad zu werfen, dann würden sicherlich viele Menschen sagen „Das möchte ich aber nicht für mein ganzes Leben“ oder „Was möchte ich eigentlich mit meinem Leben anfangen?“. Und wenn diese Frage einmal ehrlich gestellt wurde, dann ist der Weg für Entwicklung und SINNhaftes Leben gebahnt. Dann kann ich in hoher Würdigung des bisherigen Lebens (ja, es ist auch eine Leistung im Hamsterrad zu bestehen!) beschließen, dass ich eine andere Richtung wählen möchte und dass Glück, Erfolg und Gesundheit sich nicht ausschließen müssen. Die große Frage lautet aber: Wie stelle ich als noch gesunder Mensch fest, dass ich mich in einem potentiellen Hamsterrad befinde? Es gibt hierauf einige Antworten, aber ich möchte auf zwei, in meinen Augen, sehr wichtige Antworten eingehen.

 

Die erste Antwort lautet „Körperwahrnehmung“. Es klingt vielleicht paradox, aber ein großer Teil der Menschen nimmt sich, seine (langfristigen) Bedürfnisse und seinen Bauch auch als gesunde Menschen schon nicht wahr. Und das liegt unter anderem an einer eigentlich ganz tollen Eigenschaft von uns Menschen – wir sind sehr resilient! Wenn ich nämlich heute abend später ins Bett gehe, als mein Körper es mir signalisiert, dann breche ich am nächsten Morgen nicht sofort zusammen und muss in ein Krankenhaus. Wenn ich in einer ungünstigen Beziehung lebe, dann kann ich das recht gut über einen längeren Zeitraum „aushalten“ oder auch „schön reden“. Wenn ich ein von meinen Eltern erwartetes Studium oder eine Ausbildung wähle, die aber gar nicht zu mir passt, dann finde ich gute Gründe, warum es trotzdem eine gute Entscheidung war und kann ein ungutes Bauchgefühl recht gut und erfolgreich „wegschieben“. Wir sind also in der Lage unpassende Entscheidungen aufgrund der hohen Resilienz und Anpassungsfähigkeit „durchzuhalten“. Aber wie bei einem überzogenen Bankkonto vergessen wir häufig, dass wir Zinsen zahlen müssen. Zunächst nur sehr wenig und kaum merkbar. Aber über längere Zeiträume – und vor allem, wenn wir auch die Zinsen nicht zahlen und dann noch Zinseszinsen dazukommen – wird erst langsam, dann immer schneller und heftiger deutlich, dass wir nicht mehr gut umschwenken können. Eine Karriere kann nach 20 Jahren nicht mehr so einfach gewechselt werden, eine Ehe kann – gerade wenn Kinder da sind – nicht ohne weiteres aufgelöst werden. Chronischer Schlafmangel kann durch einen Urlaub nicht aufgeholt werden und und und. Diese Entwicklungen führen häufig in schwere Erkrankungen. Deshalb zurück zur „Körperwahrnehmung“. Wenn wir schon frühzeitig in der Lage sind uns und unsere Bedürfnisse zu erkennen, wenn wir in der Lage sind auf kurzfristige Befriedigung zu Gunsten von langfristigem Erfolg und Wohlgefühl zu verzichten – Stichwort „Impulskontrolle“ -, wenn wir es uns wert sind auf unseren Bauch zu hören und einmal in uns hinein zu spüren um zu schauen, ob eine Entscheidung wirklich zu uns passt und auch von uns kommt (wohl gemerkt auf Basis der Informationen, die uns zu diesem Zeitpunkt vorliegen, denn in die Zukunft schauen können wir noch nicht), dann überziehen wir unser Konto nicht nur nicht, sondern wir bauen sogar ein Guthaben auf von welchem wir zehren können, wenn es mal „Dürreperioden“ gibt. Für die Entwicklung einer guten Körperwahrnehmung gibt es wiederum unterschiedliche Ansätze, einige davon sind Meditation, QiGong, Yoga oder auch „nur“ ein schöner Spaziergang. Es gibt aber einen Haken, der eine gute Entwicklung häufig verhindert. Wenn wir diese Verfahren anwenden, dann kann dies nur funktionieren, wenn wir sie nicht direkt zweckgebunden „erledigen“, also zum Beispiel meditieren mit der Erwartungshaltung, dass ich danach direkt mehr Energie oder sofortige Erkenntnisse habe. Denn wenn ich dies tue, wird im Körper der Sympathikus, der Aktionsnerv, die Oberhand behalten und der Parasympathikus, der Ruhenerv, kommt gar nicht an den Punkt an dem eine gute Wahrnehmung möglich wird. Wenn wir also zum Beispiel glauben, Yoga machen zu MÜSSEN, um zu entspannen, dann ist der Effekt eigentlich sogar ein gegenteiliger im Sinne von Frustration und weiterer Ermüdung. Die spannende Herausforderung ist also, diese Verfahren „absichtslos“ anzuwenden und das Durchführen einfach zu genießen. Dann kreieren wir uns eine innere Umgebung in der unsere Körperwahrnehmung und unser Zutrauen dazu gefördert werden und ganz wunderbare Entwicklungen ermöglichen.

 

Die zweite Antwort auf die Frage, wie ich herausfinde, ob ich mich in einem sinnfreien Hamsterrad befinde, lautet „Durch soziale Systeme“. Damit sind sowohl die Familie gemeint, aber insbesondere auch Freund*innen, die einem, wenn sie wirklich an meinem Wohlbefinden und meinem Glück interessiert sind, mir sehr deutlich einen „Spiegel“ vorhalten, wenn ich mich in einer ungünstigen Entwicklung befinde. Ein echter Freund oder eine echte Freundin, wird mir zum Beispiel sagen „Ich erkenne Dich gar nicht wieder“ oder „Du wolltest doch immer Menschen helfen, in Deinem Job machst Du aber jetzt das Gegenteil“ oder auch „Durch Deinen Partner hast Du Dich verändert, triffst Du eigentlich noch eigene Entscheidungen?“. Das ist nicht einfach zu formulieren und auch nicht einfach anzunehmen. In der eigenen Familie sind solche Formulierungen manchmal sogar gar nicht möglich, weil die Familienmitglieder in Co-Abhängigkeit zum Teil des Problems werden können. Aber gute, echte Freunde können dies tun, denn sie gehören nicht direkt zum Familiensystem und können im Zweifel gehen, sind aber trotzdem eng und vielfach sehr liebevoll mit der betroffenen Person verbunden. Sie können sich trauen solche, manchmal nicht einfach zu verdauenden Dinge zu sagen, die oft wichtige Grundlage für eine echte Reflektion und gesunde Entscheidungen sein können. Einen, in meinem Augen wichtigen Hinweis möchte ich an dieser Stelle noch loswerden: Freunde sind häufig das, was als erstes aus vollen Terminkalendern gestrichen wird. Weil Freunde so viel tolerieren und viel Verständnis für uns haben, ist es oft das einfachste die Freunde anzurufen und zu sagen „Sorry, ich schaffe es heute nicht zu unserem Treffen. Ist einfach zu viel Arbeit“ Und die Freunde haben auch meistens Verständnis dafür. Bis sie eben eines Tages kein Verständnis mehr haben und nicht mehr Teil des eigenen sozialen Systems sind, denn kein Mensch hat Freude daran ständig versetzt zu werden. Damit können sie die so wichtige Rolle des „Spiegels“ nicht mehr übernehmen. An dieser Stelle möchte ich dafür appellieren, die eigene Gesundheit, die Familie und die Freunde proaktiv in die Kategorie „wichtig UND dringend“ einzuordnen (angelehnt an die Eisenhower-Matrix), denn in der heutigen Zeit, insbesondere im beruflichen Kontext, wird es immer andere Themen geben, die sich „dringend machen“ und aufdrängen, wodurch wir praktisch nie mehr dazu kommen diese drei zentralen Bereiche unseres Lebens ausreichend zu würdigen. Ungünstige Richtungen sind damit vorprogrammiert und führen häufig zu den eingangs angesprochenen schweren Lebenskrisen.

 

Glück ist vielfältig und kann sowohl im gesunden, sinnhaften Leben liegen als auch in der Überwindung einer schweren Lebenskrise. Wir brauchen all diese Arten von Leben in einer sich entwickelnden Gesellschaft. Es ist jedoch sehr hilfreich, wenn es deutlich mehr Menschen gibt, die sich früher mit dem Glück befassen und nicht erst, wenn das Hamsterrad zu schnell für uns geworden ist und uns häufig recht brutal zu Fall bringt. Viel Glück dabei für jeden einzelnen und für unsere Gesellschaft!

 

Fritjof Nelting im Juli 2021

Hamsterrad oder Sinnhaftigkeit? Fritjof Nelting über das Glück

Autor: Fritjof Nelting

26. Juli 2021

Glück aus Sicht der Lebenskrise

Wir, als Familie, haben in den letzten dreißig Jahren viele tausend Menschen stationär in Lebenskrisen begleitet. Wir erleben jeden Tag, was es bedeuten kann, wenn Glück (vermeintlich) nicht mehr vorhanden ist oder nicht mehr gespürt wird. Wir kennen Lebenskrisen (auch persönlich) und wir kennen die manchmal sehr schweren Verläufe und Schicksale, die damit verbunden sind. Und genauso können wir viele Geschichten vom Wiederfinden des Glücks erzählen. So, wie wir täglich erleben, dass Menschen das Glück verlieren, so erleben wir ebenso häufig, wie das Glück und der Sinn im Leben wiedergefunden werden.

 

Ich möchte gleich am Anfang sagen, dass dies zu meinem ganz persönlichen Glück gehört; Menschen, die zunächst ohne eigene Hoffnung waren, zu erleben wie sie Ihr Glück (wieder-)finden bzw. Orte zu schaffen, in denen das möglich wird. Einen Menschen zu erleben, der erkennt, wie das eigene Unglück und die eigene Krise zum Referenzwert für andere werden kann und welche positive Kraft davon ausgehen kann. Einen Menschen zu erleben, der zum Vorbild wird und sich der Verantwortung in unserer Gesellschaft stellen möchte, um zukünftigen Generationen Halt zu geben. Das bedeutet für mich ein großes Glück. Einen Beruf zu haben, bei dem ich meinem eigenen Zweck der Existenz gerecht werden kann.

 

Doch wie viele Menschen haben eine Idee davon, warum sie eigentlich auf der Welt sind, wofür es sich zu leben lohnt? In unseren Kliniken stellen wir Tag für Tag fest, dass ein gesundes und glückliches Leben immer schwieriger wird, je weniger wir diese Frage für uns beantworten können. Und wir müssen auch feststellen, dass die Rahmenbedingungen in unserer sogenannten modernen Gesellschaft es immer schwieriger machen, dass Menschen sich mit dieser Frage auseinander setzen. Unser Leben wird in so vielen Fällen von gesellschaftlichen Normen, Konsum, Notwendigkeiten, (wirtschaftlichen) Zwängen und nicht selten auch von Angst bestimmt, so dass die eigentliche Frage nach dem Glück und dem Sinn im Leben oft gar nicht mehr gestellt wird oder nicht mehr gestellt werden kann. Es gibt den schönen Satz: „Aus der Innenperspektive sieht das Hamsterrad auch aus, wie eine Karriereleiter“. Und dieser Satz beschreibt einen großen Teil des Dilemmas sehr anschaulich. Wenn wir uns nicht einmal bewusst sind darüber, dass wir in einem Hamsterrad sind, dann stellen wir uns auch nicht die Frage nach der Sinnhaftigkeit sich auf der immer gleichen Stelle zu verausgaben. Menschen, die in unseren Kliniken als Patienten ankommen, sind sich mehr oder weniger bewusst, dass sie in einem Hamsterrad sind oder waren. Allerdings haben sie dies festgestellt in dem sie sich im Hamsterrad überschlagen haben und auf ziemlich harte Weise aus ihm rausgeschleudert wurden – willkommen in der Lebenskrise. Die gute Nachricht ist diese: Es ist praktisch egal, an welchem Punkt im Leben wir aus dem Hamsterrad des Lebens geschleudert werden. Es gibt immer Möglichkeiten hin zu einem lebenswerten Leben. Aber der Aufwand und die Dauer dieses Prozesses werden immer größer, je später bzw. je schwächer ich mit diesem Prozess beginne. Und auf der gesellschaftlichen Makroebene können wir feststellen, dass zu viele Menschen in zu kurzer Zeit aus dem Leben geschleudert werden, so dass gesellschaftliche Entwicklung und auch Unterstützung für gesunde Entwicklung aller immer schwieriger wird. Ob die Eltern und Großeltern aufgrund von eigener Krankheit nicht mehr für die Kinder und Enkel da sein können, ob die Lehrer*innen und Erzieher*innen in zunehmender Überforderung nicht mehr für die Entwicklung der Kinder da sein können, ob Politiker und Wirtschaftsbosse angstgesteuert und ohne Überblick Innovationen und klare Richtungen verhindern oder ob müde Freunde nicht mehr an meiner Seite sind um soziale Netze zu bilden – all dies sind Beispiele für destruktive Entwicklungen, wenn zu viele Menschen in zu kurzer Zeit in Lebenskrisen geraten. Es macht also sehr viel SINN und auch sehr viel Freude sich früher mit diesen Themen zu beschäftigen.

 

Wenn es uns früher möglich wäre, einen Blick auf uns selbst im Hamsterrad zu werfen, dann würden sicherlich viele Menschen sagen „Das möchte ich aber nicht für mein ganzes Leben“ oder „Was möchte ich eigentlich mit meinem Leben anfangen?“. Und wenn diese Frage einmal ehrlich gestellt wurde, dann ist der Weg für Entwicklung und SINNhaftes Leben gebahnt. Dann kann ich in hoher Würdigung des bisherigen Lebens (ja, es ist auch eine Leistung im Hamsterrad zu bestehen!) beschließen, dass ich eine andere Richtung wählen möchte und dass Glück, Erfolg und Gesundheit sich nicht ausschließen müssen. Die große Frage lautet aber: Wie stelle ich als noch gesunder Mensch fest, dass ich mich in einem potentiellen Hamsterrad befinde? Es gibt hierauf einige Antworten, aber ich möchte auf zwei, in meinen Augen, sehr wichtige Antworten eingehen.

 

Die erste Antwort lautet „Körperwahrnehmung“. Es klingt vielleicht paradox, aber ein großer Teil der Menschen nimmt sich, seine (langfristigen) Bedürfnisse und seinen Bauch auch als gesunde Menschen schon nicht wahr. Und das liegt unter anderem an einer eigentlich ganz tollen Eigenschaft von uns Menschen – wir sind sehr resilient! Wenn ich nämlich heute abend später ins Bett gehe, als mein Körper es mir signalisiert, dann breche ich am nächsten Morgen nicht sofort zusammen und muss in ein Krankenhaus. Wenn ich in einer ungünstigen Beziehung lebe, dann kann ich das recht gut über einen längeren Zeitraum „aushalten“ oder auch „schön reden“. Wenn ich ein von meinen Eltern erwartetes Studium oder eine Ausbildung wähle, die aber gar nicht zu mir passt, dann finde ich gute Gründe, warum es trotzdem eine gute Entscheidung war und kann ein ungutes Bauchgefühl recht gut und erfolgreich „wegschieben“. Wir sind also in der Lage unpassende Entscheidungen aufgrund der hohen Resilienz und Anpassungsfähigkeit „durchzuhalten“. Aber wie bei einem überzogenen Bankkonto vergessen wir häufig, dass wir Zinsen zahlen müssen. Zunächst nur sehr wenig und kaum merkbar. Aber über längere Zeiträume – und vor allem, wenn wir auch die Zinsen nicht zahlen und dann noch Zinseszinsen dazukommen – wird erst langsam, dann immer schneller und heftiger deutlich, dass wir nicht mehr gut umschwenken können. Eine Karriere kann nach 20 Jahren nicht mehr so einfach gewechselt werden, eine Ehe kann – gerade wenn Kinder da sind – nicht ohne weiteres aufgelöst werden. Chronischer Schlafmangel kann durch einen Urlaub nicht aufgeholt werden und und und. Diese Entwicklungen führen häufig in schwere Erkrankungen. Deshalb zurück zur „Körperwahrnehmung“. Wenn wir schon frühzeitig in der Lage sind uns und unsere Bedürfnisse zu erkennen, wenn wir in der Lage sind auf kurzfristige Befriedigung zu Gunsten von langfristigem Erfolg und Wohlgefühl zu verzichten – Stichwort „Impulskontrolle“ -, wenn wir es uns wert sind auf unseren Bauch zu hören und einmal in uns hinein zu spüren um zu schauen, ob eine Entscheidung wirklich zu uns passt und auch von uns kommt (wohl gemerkt auf Basis der Informationen, die uns zu diesem Zeitpunkt vorliegen, denn in die Zukunft schauen können wir noch nicht), dann überziehen wir unser Konto nicht nur nicht, sondern wir bauen sogar ein Guthaben auf von welchem wir zehren können, wenn es mal „Dürreperioden“ gibt. Für die Entwicklung einer guten Körperwahrnehmung gibt es wiederum unterschiedliche Ansätze, einige davon sind Meditation, QiGong, Yoga oder auch „nur“ ein schöner Spaziergang. Es gibt aber einen Haken, der eine gute Entwicklung häufig verhindert. Wenn wir diese Verfahren anwenden, dann kann dies nur funktionieren, wenn wir sie nicht direkt zweckgebunden „erledigen“, also zum Beispiel meditieren mit der Erwartungshaltung, dass ich danach direkt mehr Energie oder sofortige Erkenntnisse habe. Denn wenn ich dies tue, wird im Körper der Sympathikus, der Aktionsnerv, die Oberhand behalten und der Parasympathikus, der Ruhenerv, kommt gar nicht an den Punkt an dem eine gute Wahrnehmung möglich wird. Wenn wir also zum Beispiel glauben, Yoga machen zu MÜSSEN, um zu entspannen, dann ist der Effekt eigentlich sogar ein gegenteiliger im Sinne von Frustration und weiterer Ermüdung. Die spannende Herausforderung ist also, diese Verfahren „absichtslos“ anzuwenden und das Durchführen einfach zu genießen. Dann kreieren wir uns eine innere Umgebung in der unsere Körperwahrnehmung und unser Zutrauen dazu gefördert werden und ganz wunderbare Entwicklungen ermöglichen.

 

Die zweite Antwort auf die Frage, wie ich herausfinde, ob ich mich in einem sinnfreien Hamsterrad befinde, lautet „Durch soziale Systeme“. Damit sind sowohl die Familie gemeint, aber insbesondere auch Freund*innen, die einem, wenn sie wirklich an meinem Wohlbefinden und meinem Glück interessiert sind, mir sehr deutlich einen „Spiegel“ vorhalten, wenn ich mich in einer ungünstigen Entwicklung befinde. Ein echter Freund oder eine echte Freundin, wird mir zum Beispiel sagen „Ich erkenne Dich gar nicht wieder“ oder „Du wolltest doch immer Menschen helfen, in Deinem Job machst Du aber jetzt das Gegenteil“ oder auch „Durch Deinen Partner hast Du Dich verändert, triffst Du eigentlich noch eigene Entscheidungen?“. Das ist nicht einfach zu formulieren und auch nicht einfach anzunehmen. In der eigenen Familie sind solche Formulierungen manchmal sogar gar nicht möglich, weil die Familienmitglieder in Co-Abhängigkeit zum Teil des Problems werden können. Aber gute, echte Freunde können dies tun, denn sie gehören nicht direkt zum Familiensystem und können im Zweifel gehen, sind aber trotzdem eng und vielfach sehr liebevoll mit der betroffenen Person verbunden. Sie können sich trauen solche, manchmal nicht einfach zu verdauenden Dinge zu sagen, die oft wichtige Grundlage für eine echte Reflektion und gesunde Entscheidungen sein können. Einen, in meinem Augen wichtigen Hinweis möchte ich an dieser Stelle noch loswerden: Freunde sind häufig das, was als erstes aus vollen Terminkalendern gestrichen wird. Weil Freunde so viel tolerieren und viel Verständnis für uns haben, ist es oft das einfachste die Freunde anzurufen und zu sagen „Sorry, ich schaffe es heute nicht zu unserem Treffen. Ist einfach zu viel Arbeit“ Und die Freunde haben auch meistens Verständnis dafür. Bis sie eben eines Tages kein Verständnis mehr haben und nicht mehr Teil des eigenen sozialen Systems sind, denn kein Mensch hat Freude daran ständig versetzt zu werden. Damit können sie die so wichtige Rolle des „Spiegels“ nicht mehr übernehmen. An dieser Stelle möchte ich dafür appellieren, die eigene Gesundheit, die Familie und die Freunde proaktiv in die Kategorie „wichtig UND dringend“ einzuordnen (angelehnt an die Eisenhower-Matrix), denn in der heutigen Zeit, insbesondere im beruflichen Kontext, wird es immer andere Themen geben, die sich „dringend machen“ und aufdrängen, wodurch wir praktisch nie mehr dazu kommen diese drei zentralen Bereiche unseres Lebens ausreichend zu würdigen. Ungünstige Richtungen sind damit vorprogrammiert und führen häufig zu den eingangs angesprochenen schweren Lebenskrisen.

 

Glück ist vielfältig und kann sowohl im gesunden, sinnhaften Leben liegen als auch in der Überwindung einer schweren Lebenskrise. Wir brauchen all diese Arten von Leben in einer sich entwickelnden Gesellschaft. Es ist jedoch sehr hilfreich, wenn es deutlich mehr Menschen gibt, die sich früher mit dem Glück befassen und nicht erst, wenn das Hamsterrad zu schnell für uns geworden ist und uns häufig recht brutal zu Fall bringt. Viel Glück dabei für jeden einzelnen und für unsere Gesellschaft!

 

Fritjof Nelting im Juli 2021

Die Lage der Corona-Pandemie Mai 2021

Foto des Autors Manfred Nelting
Autor: Manfred Nelting

Mai 2021

In Weiterführung meiner Gedanken zur Corona-Pandemie aus meinem Buch „Einsicht in Unerhörtes“, das im Mai 2021 erschienen ist, aber Anfang des Jahres schon Redaktionsschluss hatte, möchte ich hier wie angekündigt einen kurzen Lagebericht einige Monate später aus dem Mai 2021 geben.

 

Wir haben eine dritte Welle der Pandemie erlebt, uneinheitliche und intransparente Lockdown-Maßnahmen, und einen Rückgang der Infektionen bereits vor der seit Ende April geltenden sogenannten Bundes-Notbremse. Einige Politiker sprechen allerdings davon, dass ihr Handeln und ihre Entscheidungen die dritte Welle „gebrochen“ hätten. Die hatte aber bundesweit noch gar nicht greifen können, vielleicht in einzelnen Bundesländern durch vorgezogene Maßnahmen. Die Gründe lagen sicherlich hauptsächlich in der zuletzt durchaus gewaltigen Zunahme der Impfungen pro Tag gemäß der Priorisierung hauptsächlich nach Alter.

Die Intensivstationen waren wieder voll im Rahmen der zur Verfügung stehenden Betten, die durch den bereits vorbestehenden Pflegenotstand begrenzt ist, ebenso dadurch, dass sich die Krankenhäuser leestehende Betten nicht leisten können. Es wurde in der Öffentlichkeit gesagt, dass jetzt jüngere Menschen auf den Intensivstationen an Covid-19 sterben würden, obwohl es darüber kein Register gibt und das Durchschnittsalter der Sterbefälle weiterhin um 80 Jahre liegt. Nun wurde deutlich, dass die Hälfte der Patienten dort aus Hotspot-Stadtteilen kamen, Stadtteilen, in denen die Menschen sehr beengt in kleinen Wohnungen in Hochhäusern wohnten, aus ärmeren, vielfach prekären Verhältnissen kamen. D.h. sie waren schon in jüngeren Jahren vielfach vorerkrankt, wie man an sich seit längerem weiß, und hatten häufig Migrationshintergründe, also viele Menschen durch Sprachbarrieren die Regierungsmaßnahmen und pandemischen Zusammenhänge gar nicht verstanden hatten.

In Köln wurden in Stadtteilvergleichen zwischen reichen und armen Stadtteilen Unterschiede in den Inzidenzen von 0-30 (reich) und weit über 500, bis sogar 750 (arm) festgestellt. Dies hatte erfreulicherweise zur Folge, dass mobile Impftrupps zu den Hotspots geschickt wurden, die Menschen dort wurden endlich in ihrer Belastung und ihrem Leid gesehen.

Das Leid der Kinder in der Pandemie war im Verlaufe der Pandemie auch immer wieder in der Diskussion ohne dass gehandelt wurde. Nun war es unübersehbar und bei dem Impffortschritt trat die Gefährdung der Senioren zurück und die Schäden bei Kindern durch Lockdown und Schulschließungen traten in der öffentlichen Diskussion deutlich hervor. Daher soll es jetzt vorrangig um die Kinder gehen bei der weiteren Betrachtung.

Kinder in der Corona Pandemie

Kurze Vorrede:

Vor der Pandemie ging es bereits fast der Hälfte aller Kinder nicht wirklich gut, mangelte es vielen Kindern an Liebe in ihren Familien und etwa 25% der Kinder erlitten in ihren Familien schwere Vernachlässigung, körperliche und/oder emotionale Gewalt, viele insbesondere auch sexuellen Missbrauch. Diese hohe Zahl an Traumatisierungen spiegelte sich aufgrund der wissenschaftlich und kriminologisch gesicherten hohen Dunkelziffer (Faktor 10-15 des Hellfeldes) bisher nicht in der Kriminalstatistik wider, die nur die gemeldeten Fälle (das Hellfeld) zeigt. Jede/r 4. Schüler oder Schülerin zeigte psychische Auffälligkeiten. Dies wurde in der Presse veröffentlicht, wenn wieder eine Studie dazu bekannt wurde, ansonsten wurde dies nur marginal als eine zentrale Herausforderung für Gesellschaft und Politik aufgegriffen. Eine relevante strategische Konzeption der Regierung zu dieser Thematik mit einem klaren Umsetzungswillen hatte es vor der Pandemie nicht gegeben, obwohl der Politik diese dramatischen Zahlen und Dunkelziffern seit langem bekannt waren.

Gedanken zu „Kinder in der Pandemie“ setzen also auf dieser für viele Kinder schon schwer belastenden Situation auf, Beobachtungen hierzu sind somit nicht allein Corona- bzw. Corona-Maßnahmen-bedingt.

Analyse der aktuellen Situation:

Die gerade veröffentlichte aktuelle Kriminalstatistik 2020 spricht von einem Rückgang der allgemeinen Kriminalität, aber von einer Steigerung von körperlicher, sexueller und spezifisch emotionaler Gewalt von 6.5% bei den gemeldeten Fällen im Pandemiejahr 2020. Soweit der Bereich der Kriminalität.

Die tatsächliche Not der Kinder ist aber viel weitreichender: Mittlerweile ist jedes dritte Kind psychisch auffällig (COPSY-Studie des UKE Hamburg), die Folgen gehen bis zum Suizid. Belastet fühlen sich bereits vier von fünf Kindern durch die Pandemie. Insbesondere Kinder in armuts- bzw. armutsnahen Familien-Verhältnissen sind in der Pandemie deutlich schwerer betroffen, auch, da diese Familien in der Regel in beengten Wohnverhältnissen leben, dies gilt auch für viele Familien mit Migrationshintergrund.

Die Angst von Kindern und Jugendlichen nimmt zu, hierzu gehören auch Belastungsreaktionen der Kinder auf Ängste der Eltern, gerade auch Existenzängste, und depressive Verarbeitungen der Pandemie-Situation bzw. konkrete Ängste zu erkranken seitens der Eltern. Diese Ängste werden wiederum verstärkt durch die offizielle Informationspolitik mit hoher Wirksamkeit in der medialen Aufbereitung. Viele Eltern sind überfordert und in der psychischen Erschöpfung noch weniger als vorher in der Lage Kindern einen liebevollen Rahmen zu geben. Home-Scooling verschärft die soziale Ungleichheit, Schule könnte lebensnah auch mehr outdoor stattfinden, dies fordern erste Stimmen auch aus der Politik.

Kinder brauchen gleichaltrige Kinder, Jugendliche ihre Peergroup um in ihrer Entwicklung zu wachsen bzw. keinen Schaden zu nehmen. Kindergarten und Schule sind nicht allein Lernorte von Wissen, sondern insbesondere soziale Begegnungs- und Erfahrungs-Orte. Lehrer sind in der Regel zentrale Bezugspersonen, sie können auch gerade auffällige Kinder individuell betreuen und ihre seelische Situation und Gesundheit stützen. Dies gilt auch für andere soziale Möglichkeiten wie Sport, Musik etc., die Kinder aktuell umso mehr bräuchten.

Insofern sind die politisch verordneten Einschränkungen wie Lockdowns, Schul- und Kita-Schließungen, Untersagung des Sports im Freien und des Besuchs von Freizeiteinrichtungen konkret massiv schädlich für die Kinder und Jugendlichen und folgenreich für ihr weiteres Leben. Dies wird aber nicht wirklich in den politischen Entscheidungen der Regierung als Schaden gewertet und bleibt gegenüber mathematischen Modellierungen einiger Virologen und Epidemiologen und der ‚Freiheit‘ der Wirtschaft von Testpflichten ohne wesentliche Relevanz.

Diese ‚Kollateralschäden‘ werden dramatisch sein, wenn es keine Wahrnehmung des aktuell potenzierten Leidens der Kinder und Jugendlichen gibt und keine Umkehr zu liebevoller Fokussierung auf die Kinder.

Die Strategien zur Eindämmung der Pandemie brauchen sehr rasch eine Durchsicht auf Wirksamkeit, viele Entscheidungen von Politikern sind letztlich unwirksam, dabei intransparent. Wir brauchen kreative Lösungen, die die Welt und auch das Leid der Kinder und Jugendlichen wahrnimmt, einbezieht und Schaden von ihnen maximal abwendet.

Wir alle müssen also hinhören, was Kinder sagen! Ihre Ideen und Gedanken sind so wertvoll und vor allem auch realitätsnah, wichtig für lebendigen, wirksamen Schutz von Kindern und alten Menschen in der Pandemie.

Einige Corona-Fakten zur Orientierung:

Um lokal, also in Kreisen und Städten verantwortlich und insbesondere für die Kinder und Jugendlichen handeln zu können, sind einige grundsätzliche Fakten und Zusammenhänge nötig. Der deutsche Landkreistag hat diesbezüglich seine Bedenken zur Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes deutlich eingebracht.

Der Fokus allein auf Inzidenzen ist mittlerweile auch in der Wissenschaft umstritten, der verantwortliche Blick weitet sich und stärkt lokales Handeln. Mit der zunehmenden Anzahl geimpfter älterer Menschen, insbesondere hochbetagter, sinkt die Rate der Sterbefälle deutlich und verschiebt sich auch nicht auf jüngere Jahrgänge, wie medial berichtet wird.

Von etwa 80.000 Sterbefälle der Pandemie bis heute (4.5.2021) sind in der Altersgruppe von 0-19 Jahren 17 Menschen gestorben, Altersgruppe 20-49 Jahre 817 Menschen und 50-59 Jahre 2488. Alle anderen Sterbefälle waren älter, davon 87% 70 und mehr Jahre alt. Das Durchschnittsalter aller Sterbefälle liegt noch um 80 Jahre, wird nun in der Zukunft langsam etwas unter 80 J. sinken, da über 80-Jährige aufgrund der umfangreichen Impfungen nur noch selten an Covid-19 versterben werden. Diese Relationen gelten auch für die letzten Wochen, in denen sich die Mutante B 1.1.7 flächendeckend durchgesetzt hat bei neuen Infektionen und bei steigender Inzidenzzahl. Diese Zahlen weist ‚statista.com‘ nach Angaben des Robert-Koch-Instituts aus, die jede/r finden kann, wer „Corona-Sterbefälle nach Alter“ ins Internet eingibt. Trotz steigender Inzidenzzahlen unter Schülern sinken also die Sterbefälle deutlich aufgrund vieler geimpfter Senioren. Und die Impfungen gehen weiter.

Es muss bei aller Tragik der vielen Sterbefälle und dem Leid ihrer Familien erwähnt werden, dass bei einer in Tests nachgewiesenen Infektionszahl von etwa 3 Millionen Menschen weit über 80 % die Infektion praktisch symptomlos überstanden haben und bei Symptomatik die große Mehrzahl keine schweren Verläufe hatte, was zeigt wie leistungsfähig das Immunsystem der meisten Menschen ist. Da die Dunkelziffer nicht bemerkter Fälle bei den Infektionen mit SARS-CoV-2 etwa 4-5 betrug, sind weit über 10 Millionen Menschen mit dem Virus gut fertig geworden.

Im Rahmen der Zunahme der Testungen fängt jetzt die Dunkelziffer in einigen Bereichen an zu sinken, der Blick wird heller, aber die Schlussfolgerungen müssen die besonders gefährdeten Senioren noch im Blick behalten. Die postulierte neue Gefahr einer Sterblichkeit von Senioren durch Zunahme der Inzidenzen unter Schülern aufgrund der Mutante wird sich aktuell aber mit der Beschleunigung der priorisierten Impfung der über 60-Jährigen massiv verringern bzw. gar nicht aufkommen. Die Notwendigkeit der Sozialkontakte von Kindern- und Jugendlichen in Schule und Kindergarten und Freizeiteinrichtungen/Sport sind nun offensichtlich und vordringlich kontrolliert zu ermöglichen, Gesellschaft und Politik muss hier unverzüglich verantwortlich handeln.

Die Anzahl Erkrankungen schwererer Art durch Sars-Cov-2 bei Kindern und Jugendlichen (z.B. PIMS – Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrom) sind gering und in Deutschland traten bisher keine Todesfälle auf, die Symptomatik heilte bei Kindern fast immer vollständig aus. Noch seltener gibt es bei Jugendlichen schwere Verläufe. Es ist aber zu bedenken, dass es schon bei Jugendlichen immer wieder Suizide gibt, die die Erkrankungszahlen von Kindern und Jugendlichen mit schwerer Covid-19-Symptomatik übersteigen. In den allermeisten Fällen ging diesen Suiziden eine posttraumatische Belastungsstörung voraus, zu nennen sind hier erlittene Traumata (Gewalt, sexueller Missbrauch, Verwahrlosung), vorwiegend in den Familien, aber zunehmend auch durch Mobbing und in stark zunehmender Zahl Cybermobbing, insbesondere in der Pandemie. Die Kinder und Jugendlichen mit Suizidgedanken sind dabei um ein Vielfaches höher, insbesondere bei den zunehmenden psychischen Belastungsfolgen (aktuell ist jedes dritte Kind psychisch auffällig, Cybermobbing erlebt mittlerweile jeder 6. Schüler (das sind 2 Millionen junge Menschen), Tendenz steigend). Als wirksamster Präventionsort gelten dabei die Schulen, wenn Mobbing und Cybermobbing dort auch mit im Blick sind.  Hier brauchen wir also eine gemeinsame Sicht von Covid-19-Erkrankungsfolgen, Lockdown-Folgen (insbesondere Schulschließungen) und dem Wissen um schon vor der Pandemie bestehende Traumata und Belastungen unter Kindern und Jugendlichen.

Einen Blick auf Langzeitfolgen durch Covid-19-Erkrankungen (Long-Covid) gilt es sicherlich weiter zu halten, wir kennen dies in bestimmtem Umfang bei allen endemischen Infektionen. Es gibt aber bisher nur Schätzungen bezüglich der Anzahl, die Universität Dresden beginnt erst jetzt mit einem Register dafür bei Kindern (PIMS). Einige Experten sprechen insofern ohne vorhandene Datenbasis (aktuelle Untersuchungen aus England hierzu sind nicht ohne weiteres auf Deutschland zu übertragen, müssen im Übrigen weiter verifiziert werden) öffentlich über Zahlen, was weiter Angst schürt und die Diskussion integrativer Lösungen der unterschiedlichen Belastungen und Schäden durch einerseits Infektionen und andererseits Schulschließungen und anderer Lockdown-Folgen erschwert.

Wir wissen jetzt: Beachtung des Kindeswohls führt also nicht zu mehr Sterbefällen! Nichtbeachtung dagegen ist gefährlich für die Kinder, ihre Gesundheit, ihr Leben und ihre Zukunft.

Beispiele konkrete möglicher Ansätze für Handeln zum Kindeswohl:

Bei dieser Faktenlage im Frühjahr 2021 mit zunehmend wärmeren Außentemperaturen ist verantwortliches Handeln lokal möglich, notwendig und Not-wendend. Präsenzunterricht als sozialer Begegnungsbereich muss mit den gebotenen Vorsichtsmaßnahmen stattfinden auch bei höheren Inzidenzen. Indoor braucht es sicherlich Investition in Lüftungsgeräte, Abstandsregeln und Testungen, outdoor-Unterricht muss forciert werden. Singen draußen im Musikunterricht mit gebotenem Abstand ist ohne Gefahr (aktuelle Aerosolforschung), vielmehr immunstärkend. Auch in Kindergärten ist nun viel outdoor-Aktivität möglich. Hier muss Regierungspolitik eingefahrene Gleise verlassen.

In einigen Schulen werden schon regelmäßig Meditationen angeboten, eine Immunstärkung dieser Achtsamkeitsverfahren ist durch das MIT (Massachusetts Institute of Technology) und die Harvard Universität, beide USA, aktuell nachgewiesen worden. Auch die neue Trendsportart TaiJi-Bailong-Ball ( www.taijiball.com ), die wir auch  in den Gezeiten Haus Kliniken, insbesondere in der Kinder- und Jugend-Psychiarie/Psychosomatik in der Therapie nutzen, ist in diesem Sinne wirksam und sehr interessant und gut akzeptiert von Schülerinnen und Schülern (cool).

Sport für Kinder und Jugendliche ist dringend erforderlich und die lokalen Freizeiteinrichtungen müssen geöffnet werden. Die dort arbeitenden Sozialarbeiter und mehr davon werden dringend gebraucht als außerfamiliäre Ansprechpartner, wie die Lehrer in den Schulen. Beschäftigte in diesen Bereichen können sich bei ihren Hausärzten ggf. impfen lassen. Die Politik ist aufgefordert, die Gehälter im Bildungs- und Sozialbereich wie im Pflegebereich zügig anzupassen ohne Herumgerede. Ebenfalls muss die Weiterbildung aller Personen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, der aktuellen Situation angepasst werden, damit sie ihren betreuenden und präventiven Aufgaben wirklich von Herzen nachkommen können.

Der Bekanntheitsgrad von digitalen Adressen wie ‚krisenchat.de‘ und anderen digitalen und analogen Angeboten vor Ort ist zu stärken, z.B. über die Schulen, Sportverein und Freizeiteinrichtungen und Talkshows.

Beispielsweise hatte Markus Lanz in diesem Sinne in seiner Sendung am 11.2.2021 Kai Lanz (keine Verwandschaft), einem der Gründer von ‚krisenchat.de‘, ausgiebig Raum gegeben um die Notwendigkeit staatlicher Unterstützung für deren vorwiegend ehrenamtliche Arbeit anzumahnen.

Eltern sollten mit ihren Kindern viel in die Natur gehen, wo immer das möglich ist, und sich bei Überforderung an Beratungsstellen wenden. Es ist kein Versagen, in der Pandemie mit sich, den Kindern und den Umständen schwer zurechtzukommen. Der Sozial-Staat muss Familien in Not konkret auch finanziell unterstützen, solange keine anderen würdevolleren Konzepte wie z.B. bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt sind.

Regierungs-Politik muss jetzt endlich die Bedürfnisse von Kindern und Familien in den Blick nehmen, um den Kindern Zukunft zu erhalten. Hier ist gut auf Lokalpolitiker, Bürgermeister zu hören und Kinderstimmen in den demokratischen Prozess einzubeziehen. Dafür sind passende Strukturen zu schaffen, in denen Erwachsene bei Kindern und Jugendlichen wirklich hinhören, was sie erzählen. Dies versuchen viele Eltern auch schon trotz Belastung.

Vieles ist jetzt offensichtlich, nun ist Handeln angesagt; dabei Gemeinsamkeit zu suchen ist weise!

Gedanken zur Wiederausübung von Grundrechten für Geimpfte und Genesene

Ob die Genesenen und die Geimpften und Menschen mit guter Hintergrund- und Kreuzimmunität zusammen in eine Herdenimmunität führen, ist noch unklar. Ebenso ist nicht geklärt, wie anhaltend überstandene Infektionen bzw. Impfungen einen Virus-Schutz geben. Es wird öffentlich darüber diskutiert, dass möglicherweise Auffrischimpfungen regelhaft notwendig werden könnten, aktuell ohne Wissen um die zeitlichen Abstände. Insofern ist es durchaus wahrscheinlich, dass wir mit dem Virus leben und langzeitig umgehen müssen. Hierfür brauchen wir alle ein kräftiges Immunsystem, auch im Alter. Dies sollten wir alle als gesellschaftliche Akteure zum Anlass nehmen, unsere Gesellschaft neu zu gestalten, sodass sich Angst und Stress systemisch verringern können und Kooperation und Achtsamkeit gefördert wird. Denn Angst und Stress schwächen das Immunsystem ganz besonders.

Geimpfte tragen nach Exposition von Corona-Viren nach derzeitigem Wissensstand durch ihre einige Monate lang bestehenden Antikörper schon im Nasenrachenraum offensichtlich nach kurzer Zeit (vielleicht einige Stunden, vielleicht auch 1 bis 2 Tage?) nur noch eine geringe Viruslast, sie werden das Virus also nur selten weiterverbreiten. Wie lange der Schutz anhält, ist noch unklar und offensichtlich u.a. sehr individuell. Selten kommen Infektionen bei einigen geimpften Menschen innerhalb weniger Monate nach Impfung vor, möglicherweise aufgrund individueller genetischer oder immunbedingter Faktoren.

Es ist unklar, ob nach Absinken der Antikörper noch eine spezifische T-Zell-Immunität besteht, die dann bei Exposition wieder die Immunkraft aktiviert. Menschen, die im Jahre 2003 mit dem Sars-1-Virus infiziert waren, hatten 2020, also 17 Jahre danach, noch spezifische T-Zell-Immunität. Dies wird aktuell bei Sars-Cov-2 nicht regelmäßig untersucht, weil es zu teuer ist. Insofern scheint es einfacher und preiswerter zu sein alle halbe Jahre wieder eine Auffrischimpfung zu geben. Das ist für die Firmen, die Impfstoffe herstellen sicherlich ein gutes Geschäft, aber möglicherweise nicht nötig. Es sollte rasch Geld für Forschungen zur spezifischen T-Zell-Immunität vom Forschungsministerium zur Verfügung gestellt werden, um hier mehr Klarheit zu bekommen.

Es muss also noch geklärt werden, wie lange Geimpfte ihre durch die Impfung wiedererlangten, vorher zeitweilig eingeschränkten Grundrechte behalten können bzw. dies durch Folgeimpfungen verlängern müssen.

Die wird bei den Genesenen ja so bestimmt, dass sie für die Wiedererlangung dieser Grundrechte einen PCR-Test, der ihre Infektion nachweist, vorlegen müssen, der nicht älter als 6 Monate ist. Das bedeutet, dass sie 6 Monate nach Infektion aus der Ausübung dieser Grundrechte wieder herausfallen, was also jeden Monat etwa 10-20.000 Menschen betrifft.

Menschen, die vor einem Jahr ihre Infektion hatten, können ihre Rechte nicht geltend machen, ebenso alle die, die eine Infektion unbemerkt überstanden hatten, also vermutlich knapp 10 Millionen Menschen in Deutschland, wie ich schon erwähnte.

Möglicherweise würden alle diese Menschen eine erneute Corona-Infektion gar nicht mehr übertragen aufgrund ihrer spezifischen T-Zell-Immunität. Finanziell privilegierte Menschen können dies prüfen lassen, andere haben nicht die Mittel dafür.

Diese Gedanken gehören alle in eine Gerechtigkeitsdebatte, die offensichtlich nur rudimentär mit dem bevorzugten Fokus auf Impfungen abläuft und vermutlich die Impfbereitschaft stärken bzw. hochhalten soll.

Insgesamt sollen Geimpfte, kürzlich Genesene und Getestete gleichermaßen ihre Grundrechte wieder umfangreich ausüben können, aber es wird schon darüber diskutiert, dass Getestete einen Unsicherheitsfaktor bezüglich der Virusübertragung haben, da die Tests z.B. am ersten Tag einer Infektion eine geringe Viruslast noch nicht erfassen, diese aber in den nächsten 24 bis 48 Stunden stark ansteigen könnte. Daher wird jetzt schon bei Nichtgeimpften bzw. kürzlich Genesenen für viele Zugänge und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ein tagesaktueller Test verlangt, was sicherlich sinnvoll ist.

Anfang Juli 2021 werde ich hier weitere Gedanken zur Pandemie aktualisiert schreiben.

Manfred Nelting

 

 

Corona-Impfungen bei 12-15-Jährigen?

Foto des Autors Manfred Nelting
Autor: Manfred Nelting

04. Juni 2021

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat den Corona-Impfstoff von BionTech/Pfizer für Kinder und Jugendliche von 12- 15 Jahren vorläufig zugelassen, die Stiko (Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts) hat aber schon signalisiert, dass sie die Impfung nur für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen empfehlen wird, also keine generelle Impfempfehlung für diese Altersgruppe aussprechen wird.

Foto eines Kind was geimpft wird
© Kathia Fuhlert/Pixabay

Die Bundesregierung hebt zum 7.Juni 2021 die Impf-Priorisierung auf, d.h. ab dann dürfen Ärzte auch diese Kinder und Jugendlichen von 12-15 Jahren impfen. Gleichzeitig teilt sie mit, dass nicht genügend Impfstoff vorhanden ist und auch noch nicht alle gefährdeten Erwachsenen geimpft sind.

Das hat zu einer Verunsicherung vieler Eltern geführt, daher hier schon einmal ein Kompass zur Orientierung:

  1. Die EMA hat ihre Entscheidung anhand der vorgelegten Studien von BionTech/Pfizer getroffen. In diesen Studien mit einer noch begrenzten Studien-Zahl von Kindern über eine Zeit von nur einigen Monaten sind keine bedeutenden Nebenwirkungen aufgefallen und die Immunisierungs-Wirkung war gut.
  2. Die Stiko meint, die Zahl der Kinder in den Untersuchungen sei noch nicht ausreichend groß und der Zeitraum der Studien nicht ausreichend lang um den tatsächlichen Nutzen und ein ggf. erkanntes Risiko gegeneinander abwägen zu können. Dafür ist es aber wichtig auch eventuelle seltene Neben- und Folgewirkungen der Impfung zu erfassen, weil die 12 bis 15-Jährigen eben viel seltener und sehr selten schwer erkranken: In der gesamten Corona-Pandemie über die 15 Monate bis heute sind in dieser Altersgruppe 4 Kinder gestorben. Möglicherweise hatten diese 4 Kinder auch Vorerkrankungen oder waren z.B. traumatisiert, was das Immunsystem schwächen kann. Darüber habe ich aktuell aber noch keine Informationen.
  3. Angesichts dieses geringen Risikos haben auch eventuelle seltene Nebenwirkungen der Impfung, die in der nächsten Zeit erkannt werden könnten, eine wichtige Bedeutung. Insofern wird die Stiko voraussichtlich die Impfung konkret vorerst nur für chronisch kranke Kinder und Jugendliche dieser Altersgruppe empfehlen.
  4. Ungeimpfte gesunde Kinder und Jugendliche stellen kein großes Risiko für die Gesellschaft dar, wenn sie sich mit Corona infizieren, denn die vielen wissenschaftlichen Untersuchungen haben übereinstimmend ergeben, dass Kinder und Jugendliche nicht die Pandemie-Treiber sind, sondern sich meist von Erwachsenen her anstecken. Die nachgewiesenen Ansteckungen z.B. in Schulen sind zudem äußerst gering.
  5. Da Kinder nicht wesentlich zum Infektionsgeschehen beitragen, spielen sie auch keine wesentliche Rolle bei der sogenannten Herdenimmunität. Für diesen Zweck darf man sie also keinesfalls als zusätzliche Impflinge ‚benutzen‘.
  6. Aufgrund des geringen Risikos einer schwereren Corona-Infektion ist ein Nutzen der Impfung für das einzelne Kind bisher nicht abzuleiten. Es kann eine Impfung bei Kindern aber im Rahmen der weit verbreiteten Ängste bei Kindern und insbesondere ihren Eltern, dass die Kinder schwer erkranken könnten, zu einer Angstminderung beitragen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine Impf-Notwendigkeit, sondern um eine im Einzelfall ggf. durchaus berechtigte Beruhigung der jeweils eigenen Ängste. Diese Beruhigung sollte in der Regel allerdings besser durch Aufklärung seitens der befragten Haus- und Kinder-Ärzte erreicht werden können, eine nicht notwendige Impfung ist dafür letztlich nur in Einzelfällen sachlich begründbar. Die letzte Entscheidung darüber liegt bei den Eltern.
  7. Eltern brauchen also keine Angst um ihre gesunden Kinder haben, wenn es aufgrund des Impfstoffmangels noch eine Zeit lang dauert, bis sie geimpft werden könnten. Sie können insofern ohne Gefährdung ihrer gesunden Kinder noch abwarten, bis mehr Informationen über die Impfung bekannt sind, z.B. durch die Auswertung der zahlenmäßig umfangreichen Impfungen in diesem Alter in den USA. Sie können danach zusammen mit ihren Ärzten besser entscheiden, ob ihr gesundes Kind geimpft werden sollte oder nicht.
  8. Eltern wurden auch verunsichert, da in den Nachrichten über die seltenen Kawasaki-Syndrom ähnlichen Erkrankungen bei Kindern berichtet wurde, bei denen vereinzelt auch ein positiver Corona-Test gefunden. Dies wurde in der Folgezeit als PIMS-Syndrom (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) ärztlicherseits als eigenständige Verlaufsform angesehen. Bei dieser sehr seltenen schweren Verlaufsform kommt es zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems, oft zeitlich verzögert einige Wochen nach einer Corona-Infektion, die in der Regel gut behandelt werden kann und gut ausheilt.

Die Gesamt-Zahl dieser Verlaufsform bei Kindern und Jugendlichen in der Pandemie in Deutschland wird mit 250 bis 300 Fälle angenommen, aktuell wird ein Register an der Uni Dresden hierfür angelegt. Diese Verlaufsform ist also sehr selten und in Deutschland sind dadurch keine Kinder gestorben.

  1. Ebenfalls Verunsicherung haben auch Informationen zu später auftretenden, langzeitigen Folgewirkungen der Corona-Infektion ausgelöst, genannt ‚Long-Covid‘. Hierüber werden in den Medien Politiker zitiert, die z.T. sehr hohe Zahlen von einigen hunderttausend Menschen mit Long-Covid in Deutschland erwarten.

Tatsächlich liegen diesen Zahlen aber Sorgen und Vermutungen zugrunde, keine gesicherten wissenschaftlichen Daten. Die wenigen Studien hierzu lassen eine solche Aussage nicht zu, die entsprechend genannten mathematischen Modellierungen sind wissenschaftlich nicht nachvollziehbar. Was wir wissen ist, dass das Risiko für Kinder, schwer an Covid-19 zu erkranken, extrem gering ist. Und über Langzeitfolgen von Covid-19-Erkrankungen bei Kindern wissen wir sehr wenig, Stiko-Chef Thomas Mertens hält es momentan für eine „Instrumentalisierung einer Sorge“, das Krankheitsbild Long Covid als Argument für eine Impfung heranzuziehen.

Verlässliche Zahlen zu Long Covid existieren nicht, weder bei Kindern noch bei Erwachsenen. Aktuell wird versucht eine Wissensbasis, ein Register, aufzubauen. Dabei ist die medizinische Definition, wann man eine vemutete Long Covid-Erkrankung als solche verifiziert, noch nicht einmal klar. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele der bei Kindern als Long Covid angenommenen Fälle nicht als Virusfolge zu interpretieren ist, sondern als psychische/psychosomatische Reaktion auf Ängste und Folgen von Lockdown und Schließungen von Schule und Freizeiteinrichtungen, ist sehr groß. Die psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen waren schon vor der Pandemie sehr hoch (jedes vierte Schulkind), jetzt in der Pandemie sehen wir dies bei jedem dritten Kind. Siehe auch meine vorherige Schrift „Kinder in der Pandemie“.

 

Resümee

Die Eltern müssen aufgrund der Impfstoffknappheit bis auf die Ausnahmen bei chronisch kranken Kindern sicherlich noch bis zum ausgehenden Sommer, also in der Regel nach den Sommerferien warten, bis sie einen Impftermin für ihre 12-15-jährigen Kinder erhalten können. Diese Wartezeit ist bezüglich des Erkrankungsrisikos an Covid-19 aus wissenschaftlicher Sicht für die Kinder nicht gefährlich, wie ich oben beschrieben habe. Innerhalb des nächsten Vierteljahres wird intensiv weitergeforscht und dann werden voraussichtlich viele Daten zu Nutzen und Risiken einer Corona-Impfung für Kinder vorliegen. Dann können Eltern gut entscheiden, ob sie Ihre gesunden Kinder impfen lassen wollen oder nicht. Beide mögliche Entscheidungen können gute und verantwortungsvolle Entscheidungen sein nach dem dann vorhandenen Wissen und Aufklärung und Beratung durch die Haus- und Kinderärzte. Die Eltern untereinander sollten sich bezüglich ihrer Entscheidungen tolerant begegnen, Lehrer sollten sich bei Vorerkrankungen bzw. eigener Erkrankungssorge ggf. impfen lassen und eigene Lebenspflege betreiben, z.B. mit Achtsamkeits-Methoden wie QiGong, Meditation oder der auch für den Schulsport sinnvollen und wichtigen Ballspielart TaiJi-Bailong-Ball (www.taijiball.com). Von der gesicherten Wirkung von Achtsamkeitsverfahren auf die Immunstärkung ist kürzlich in einer Übersichtsarbeit der bekannten Universitäten MIT und Harvard aus den USA berichtet worden. Eine Impf-Pflicht für Kinder und Jugendliche besteht in Deutschland nicht und der Schulbesuch wird nicht von einer Impfung abhängig gemacht.

Ein Hinweis: Das Immunsystem ist bei Kindern erst mit etwa 12 Jahren weitgehend ausgereift, insbesondere die sogenannten ACE-2-Eiweißbausteine der Zelloberflächen als Andockstellen auch für das Sars-CoV-2-Virus sind bei jüngeren Kindern noch nicht voll entwickelt. Unter anderem daher sind jüngere Kinder auch weniger gefährdet, sich mit diesem Virus zu infizieren. Das Virus kann, weil es wegen der mangelnden Andockstellen nicht gut in die Zellen kommt, sich so auch schwer weitervermehren, insofern entsteht keine zunehmende Viruslast und die Infektiosität der Kinder ist bei Ansteckung begrenzt.

Die Schulen sollten angesichts des derzeitigen Wissens um das Infektionsgeschehen und die psychischen Folgen von Schulschließungen auch keinesfalls wieder geschlossen werden, falls Corona-Inzidenzen im Herbst wieder ansteigen sollten. Schulschließungen aufgrund ggf. fehlender Durchimpfung von Schülern und Jugendlichen ist medizinisch nicht begründbar.

Vielmehr ist über den Sommer hin dafür Sorge zu tragen, dass die Schulräume gute Be- und Entlüftung bekommen, gute Konzepte für Unterricht im Freien entwickelt werden und sinnvolle Hygieneregeln möglich werden. Wenn es ohne soziale Benachteiligung umsetzbar ist, können auch digitale Unterrichtskonzepte eingesetzt werden. Eltern sollten zukünftig keinesfalls für ein Homescooling bereit stehen müssen.

Ich hoffe, dass Eltern mit diesen Informationen nun aus ihrer Verunsicherung herauskommen können und damit einen guten Kompass für ihr verantwortungsvolles kindgerechtes Handeln in ihren Händen haben.

Autor: Manfred Nelting

Ihre Meinung:

Kommentar von Dr. Karella Easwaran |

Lieber Herr Nelting, der Text ist toll und bringt alles sachlich und korrekt auf dem Punkt. Schade ist wie die Politik dagegen steuert und die Eltern verunsichert! Viele Grüße, Karella Easwaran

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