Wahlentscheidungen der Senioren am 26. September 2021 – bekommen sie, was sie wollen und brauchen?

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Autor: Manfred Nelting

04.09.2021

Die über 70-Jährigen machen mittlerweile ein gutes Fünftel der Wahlberechtigten aus und, da die Wahlbeteiligung in dieser Gruppe in der Regel hoch ist, sind es wohl ein gutes Viertel der Wähler. Sie werden diese Wahl vermutlich entscheiden.

 

Wir sehen hier zwei Gruppen: die Älteren, die den Krieg als Kinder miterlebt haben, und die 70- bis 75-Jährigen, die sogenannten 68iger, von denen viele auch gegen den Vietnamkrieg und für die Friedensbewegung eingetreten sind. Die erstere Gruppe hatte traditionell oft Adenauer und die CDU gewählt, die zweite Gruppe eher Willy Brandt und die SPD.

In der ersten Gruppe sorgen sich viele um die Sicherheit, für die lange die CDU und zuletzt lange Angela Merkel stand – „Sie kennen mich“ war der Slogan. Viele von ihnen waren Kriegs-traumatisiert und 2015 in der Geflüchteten-Welle haben die Bilder im Fernsehen viele Traumata reaktiviert. Wir haben in den geriatrischen Abteilungen unserer Gezeiten Haus Kliniken viele dieser Menschen behandelt, Angela Merkel war für viele ein Sicherungsversprechen in ihren Ängsten. Aber die Ära Merkel ist nun vorbei, was bedeutet das für diese Älteren? Viele fragen sich, durchaus ängstlich, ob es noch die CDU sein kann, weil alte Antworten in neuen Zeiten oft nicht mehr wirklich passen.

Die 68-iger Generation ist beginnend mit Hoffnungen auf Frieden aufgewachsen, ein Engagement war in ihrer Erfahrung lohnenswert. Materiell zunehmend gesichert, gab es insgesamt eine Offenheit für Neues, für Innovatives und das bis heute. Hier findet sich auch heute ein großes Potential an Aufmerksamkeit für klimapolitische Themen und immer noch an Friedenspolitik.

 

Zustand der Erde heute

Die Situation der Gesellschaft und der Erde hat sich jedoch völlig verändert. In den letzten 30 Jahren hat sich die Ausbeutung der Ressourcen der Erde dramatisch erhöht; der CO2-Ausstoß stieg exponentiell, gleichzeitig wurden viele natürliche CO2-Speicher wie Urwälder, Moorlandschaften und Humusböden im großen Stil geopfert, Meere in dieser Funktion ausgebremst, Walpopulationen dezimiert und Bodenflächen exzessiv versiegelt. Die Artenvielfalt ging dramatisch zurück, natürliche Lebensräume werden zunehmend zerstört, Pandemien stellen uns vor unbekannte Herausforderungen, internationale Transporte und Flugverkehr bringen Pflanzen, Tiere, Viren und Insekten in Verteilung über den gesamten Globus, vielfach breiten sie sich dort ohne natürliche Feinde unter Gesundheitsgefahren aus.

Diese Entwicklung konnte stattfinden, da die Politik dem Druck der multinationalen Konzerne und der Finanzwirtschaft zugunsten einer neoliberalen Wachstumswirtschaft nachgab und so Profitinteressen Priorität gegenüber Gemeinwohlschutz der Gesellschaft gewonnen haben, gleichzeitig Politik an regulatorischer Kraft verlor (Politik als zahnloser Tiger).

Im Beginn der Ära Merkel schien diese Rechnung durch Wohlstandszuwachs noch aufzugehen, dann aber kippte die Situation zunehmend, die Schere zwischen arm und reich klappte immer weiter auf, eine katastrophale Entwicklung im Klimageschehen kam jetzt auch in Deutschland ins Erleben, was vorauszusehen war, aber in der Großen Koalition nicht auf die Tagesordnung kam.

Nun stehen wir vor noch nie dagewesenen Herausforderungen. Sie treffen uns auf schlecht bestelltem Boden. Die Gesellschaft wurde durch die bisherige Koalitionspolitik nicht auf diese neue Zeit vorbereitet, vielmehr systemkonform blockiert. Ein weitsichtig aktiv gestalteter Wandel mit Ausbalancierung von Profitinteressen und Gemeinwohl, wie es das Grundgesetz in § 14, Abs. 2 vorsieht – „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ – fand nicht statt. Die krisenhafte Klimasituation hat sich allerdings beschleunigt entwickelt und nicht darauf gewartet, dass Politik die Gesellschaft darauf einstellt. CDU und SPD haben hier grandios versagt.

 

Umgang mit der neuen Lage

Es wird hier aber immer noch so getan, als wäre die neue Situation mit der Erde und der Atmosphäre verhandelbar und auf der Grundlage einer ‚Bezahlbarkeit‘ in der Kostenrechnung ‚vernünftig‘ zu begrenzen. Dies ist jedoch ein grundlegender Irrtum, alles, was jetzt nicht an Aufwand betrieben wird, wird später um ein Vielfaches teurer.

Im bisherigen System denkblockierte Politiker müssten erklären, wieso Bezahlbarkeit auf der Grundlage der unsinnigen Erhaltung der bestehenden Ungleichheit in der Eigentums- und Einkommensverteilung eine ernstzunehmende Kategorie sein kann. Das können sie allerdings nicht. Denn es gibt genug Geld im Umlauf, allerdings bewegt von anderen Kräften, die wieder an die Gemeinwohlverpflichtung angebunden werden müssen.

Die Regierung ist eingezwängt zwischen lobbyistischen Wirtschafts-Beratern, die vielfach auch eigene Interessen in Gesetzesentwürfen durchsetzen, und einer beharrenden Ministerialbürokratie, die wenig eigene Wandlungsimpulse kreiert bzw. nicht für notwendig hält. Es ist nicht zu erwarten, dass die Koalitionsparteien sich in ihrer Haltung grundsätzlich ändern werden, sie werden, sofern sie einen Regierungsauftrag bekommen, die Dinge vermutlich so weiterlaufen lassen wie Angela Merkel und dann, wenn sie merken, dass bestimmte Themen in der Gesellschaft sich wandeln oder toxisch werden, hier ein hinterherlaufendes Krisenmanagement durchführen, das sie sich dann als Meriten anheften.

Der Verweis auf notwendige Investitionen zu technologischen Innovationen (alle Parteien) klemmt, weil sich wirksame Alltagsreife vermutlich erst spät einstellen wird, wir aber jetzt reagieren müssen. Natürlich werden technologische Innovationen, sobald sie einsatzfähig sind, dann sinnvoll und hilfreich sein und die Erreichung klimapolitischer Ziele mit ermöglichen. Z.B. könnten Wasserstoff-betriebene Autos die E-Mobilität zum Teil früher ablösen als erwartet. Aber wir sollten nicht in Erwartung möglicher technischer Lösungen bei anderen wirksamen Maßnahmen die Hände in den Schoss legen.

Es ist nun an sich weder als Wähler noch als Partei nötig, erklären zu müssen, wieso der notwendige gesellschaftliche Umbau zur Erreichung des 1,5 Grad-Ziels der Erderwärmung sofort begonnen werden muss als zentrale Priorität für alle und das dabei lebenswerte Bedingungen für alle Menschen erklärtes Ziel schon auf dem Umwandlungsweg sein müssen. Dies müsste sich in allen Parteiprogrammen zwingend wiederfinden, wir finden es aber im Wesentlichen nicht. Gewisse Ausnahme ist dabei das Programm der Grünen, das vermutlich so aufgestellt ist, dass man noch Wahlchancen hat, aber später natürlich konsequent nachbessern muss. Denn wie gesagt, das Klima verhandelt nicht, sondern folgt physikalischen Gesetzen, die wir als Menschen für unsere Lebensbedingungen folgenreich und ungünstig in ihren Rückwirkungen gestaltet haben.

 

Situation und Interessen älterer Menschen

Ältere Menschen sind nun verunsichert, welche Partei ihre Interessen in den letzten Lebens-Jahren oder -Jahrzehnten nun eigentlich vertreten könnte. Sicherheit wie früher scheint es nicht mehr zu geben, noch nicht einmal materiell sind alle gut abgesichert.

Sie haben gesehen, dass die Pandemie schonungslos aufgedeckt und offensichtlich gemacht hat, was schon vorher im Argen lag. Denn alle für die Gesellschaft wesentlichen Bereiche, egal ob Pflegepersonal in Krankenhaus und Altenheimen, Erzieherinnen, Polizistinnen, Lehrer und viele andere, waren aus Profitinteressen unterbezahlt und die Personalstärke auf Kante genäht. Das hatten allerdings insbesondere ältere Menschen bereits vielfach am eigenen Leibe erlebt. Gemeinwohlorientierung sieht anders aus. Und dies gilt für alte Menschen gleichermaßen wie für Kinder (1), die als Enkel im Blick der alten Menschen sind.

Die Lebenserwartung von Menschen in armen Stadtteilen wie Köln-Chorweiler oder Hamburg-Veddel war und ist deutlich geringer, z.B. in Hamburg-Veddel vor der Pandemie zehn bis 15 Jahre geringer als in den reichen Stadtteilen von Hamburg, worüber wenig gesprochen wird. Dort in Veddel hat sich die Pandemie auch für viele bedrohlicher abgespielt.

 

Informative Hilfen zur Wahlentscheidung

Wie können sich ältere Menschen nun informieren, welche Partei oder welche Abgeordneten sie nun wählen könnten, gerade in der Zeit von Fake News und gehäufter Fehlinformation? Hier wurde nun für die Fernseh-Trielle (in Anlehnung an Duelle) der drei Kanzlerkandidat*innen geworben. War das hilfreich? Aus meiner Sicht überhaupt nicht.

Das Format des Triells  ‚Wer kann es besser‘ hat eine nicht vorhandene Verhandelbarkeit der neuen Herausforderungen zur zentralen Ebene gemacht und das Ignorieren des Ernstes der Lage und eines ernsthaften Umgangs damit versucht gesellschaftsfähig zu machen. Die Kandidatin und die Kandidaten haben sich dem unterworfen, so wurde das Triell zum absurden Theater.

Die älteren Wähler konnten sich nicht wirklich informieren, sondern allein Zuschauer einer RTL-Show sein, wer die beste Performance auf systemimmanente, somit für das große Thema eines Wandlungsprozesses unsinnige Fragen zeigte. Allenfalls Sympathie-Punkte konnten verteilt werden.

Eine notwendige Klimapolitik steht über Parteiinteressen, im Wandlungsprozess der Gesellschaft muss allen Parteien an sich klar sein, dass alle Menschen mitgenommen werden müssen bzw. mitkommen dürfen, eben auch gerade alte Menschen. Offensichtlich ist dies noch kein gesellschaftlicher Konsens, wird zukünftig allerdings unfreiwillig erzwungen werden durch erlebbare Folgen des Temperaturanstiegs im globalen Klima. Stattdessen gibt es darüber aber einen unsinnigen Schlagabtausch ohne informativen Gehalt.

Wenn wir trotzdem einmal anschauen, was an Informationsgehalt im Triell verborgen war, so ist festzuhalten, dass alle drei Personen, die Kanzler*innenschaft anstreben, Angst vorm Wähler haben, wobei Annalena Baerbock den Wählerinnen noch am ehesten Wahrheiten zuzutrauen scheint. Versäumnisse sehen alle bei Anderen. Eine selbstkritische Haltung, die sagt, dass wir nun anders handeln müssen, da wir uns in Sackgassen manövriert haben, ist bei Armin Laschet und Olaf Scholz kaum zu finden.

 

Kanzlerkandidaten

Da es hier offensichtlich mehr um Personen als um Programme geht, lohnt es sich die Personen und ihr Verhältnis zu ihren Parteien näher anzuschauen. Armin Laschet und Olaf Scholz sind beides Politiker, die eine neoliberale Wachstumswirtschaft befürworten. Sie tun weiter so, als seien sie wirksam handelnde Personen und nehmen kaum noch wahr, dass sie und ihre Vorgänger sich selbst entmachtet haben durch die Entfesselung von sinnvollen wirtschaftlichen Regularien, die das Gemeinwohl im Blick hatten. Diese gilt es also zurückzuerobern durch eine zukünftige Bundes-Regierung und Bundestag.

Schauen wir uns das Verhältnis der Parteien zu ihren Kandidaten an:

Armin Laschet wird in seiner Partei nicht wirklich unterstützt. So, wie die Partei innerlich empfindet, wird eine andere Art der Machtpräsentation gewünscht.

Olaf Scholz macht eine One-Man-Show mit einem gespielten Alter Ego, wie die Partei es fordert. Aber er hat die Partei nicht wirklich hinter sich, denn er steht eher für neoliberale als traditionell sozialdemokratische Positionen. Insofern bleibt unklar, was sich nach der Wahl durchsetzt.

Neoliberale Positionen, wie sie z.B. auch die FDP hat, setzen aber bisher zentral auf unsichere Konzepte zu möglichen technologischen Innovationen in der Zukunft, nicht für beherztes sofortiges Handeln, um die Folgen der Erderwärmung für die Bürger so gering wie möglich zu halten. Diese einseitige Orientierung könnte gefährliche Folgen für unser Leben haben. Eine niedrige CO2-Bepreisung in unbedeutender Lenkungswirksamkeit dient dabei als Mäntelchen von Klimavernunft.

Annalena Baerbock hat die Partei sicherlich gut hinter sich, Robert Habeck ist sichtbar bei ihr, aber sie hat wie viele in ihrem Alter die Neigung zur schönenden Selbstdarstellung, was durch die sozialen Medien allerdings in breiten Teilen der Gesellschaft üblich ist. Das ist in Bezug auf die zukünftigen Herausforderungen aus meiner Sicht aber nicht wirklich erheblich, weil sich ihr Blick auf den Klima-Wandel dadurch nicht verstellt hat. In einer Kanzlerschaft wird auch sie sich natürlich mit den verhindernden und im Alten beharrenden Kräften auseinander zu setzen bzw. zusammen zu setzen haben. Inwieweit ihre Partei lieber Robert Habeck als Kanzlerkandidaten gehabt hätte, bleibt unklar.

Keiner der drei Kandidat*innen ist auf die gerade beschriebene seit längerem ungesunde Verfassung unserer Gesellschaft eingegangen, dabei hat auch die Corona-Pandemie sich auf diesem ungesunden Terrain erst so folgenreich entwickeln können.

 

Klimapolitik ist überparteilich

Alle Parteien werden klimapolitisch in gleicher Weise tätig werden müssen. Sofern hier aber verzögert wird im Interesse von noch vorrangig wirkenden Profitinteressen großer Global Player, werden die Maßnahmen später einschneidender ausfallen und die notwendigen Klimaziele für lebenswerte Lebensbedingungen schwerer oder nur zum Teil erreicht werden können.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Regierenden aufgefordert, die Bedürfnisse der jungen Menschen angemessen zu beachten und Maßnahmen nach 2030 zu konkretisieren. Dies wurde rasch umgesetzt in einem neuen Gesetz, was ich in großen Teilen für Kosmetik halte.

Die Parteien streiten sich nun um Details, obwohl z.B. alle zusammen einen etwas dynamischeren CO2-Preis beschlossen haben, der die Benzinpreise erhöhen wird. Allen ist auch klar, dass diese Erhöhung für Menschen mit niedrigen oder prekären Einkommen sozial abgefedert werden muss und kann. Aber bezüglich der Rückflüsse von Geld aus den CO2-Einnahmen des Staates zu den Bürgern werden unsinnige Kontroversen entfacht, Klarheiten vielfach vermieden, und die Benzinpreiserhöhung fälschlich als unsoziale grüne Idee angegriffen.

Also, alle Parteien werden das gleiche klimapolitischen Ziel, also die Begrenzung der Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad ansteuern müssen.

 

Klimapolitik und Lebensqualität

Wird konsequentes klimapolitisches Handeln das Leben nun hauptsächlich einschränken oder vielmehr die Lebensqualität bestmöglich bewahren oder sogar verbessern?

Schauen wir uns exemplarisch klimapolitische Themen aus zwei Bereichen an, was sie für ältere Bürger bedeuten können: Stadtentwicklung und Massentierhaltung.

 

Beispiel Stadtentwicklung

Wir wissen, dass die Städte sich im Sommer stark aufheizen, wir mussten in heißen Sommern viele Hitzetote unter den Senioren beklagen, dies wird sich zukünftig noch verstärken. So kann es also nicht bleiben. Städteplaner wissen, dass die Städte nun intensiv begrünt werden müssen, versiegelte Flächen, u.a. Parkraum für Autos, verringert und Parks-, Spielflächen und Fahrradwege großzügig angelegt werden müssen. Fassaden von Häusern müssen dabei auch entsprechend verändert werden, dass sie nicht zur Aufheizung beitragen, sondern diese bestenfalls verringert.

In den Städten wird es eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/Std. geben, die es rüstigen Senioren ermöglichen wird, gefahrlos Fahrrad zu fahren. Alle älteren Menschen können dann die Straßen überqueren ohne sich im Tempo gehetzt zu überfordern. Senioren, die noch Auto fahren, werden dies auch weiter tun können, in der Stadt und vom Land zur Stadt, aber komfortabler wird nachhaltige Mobilität durch neue kostenlose Kleinbus- und preiswerte Taxen-Systeme ermöglicht werden. Dazu gehört auch in allen Stadtteilen größerer Städte Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Apotheken und z.B. Friseure anzusiedeln, die fussläufig erreicht werden können. Insgesamt führt das zusammengenommen zu einer Verkehrsberuhigung und zu weniger CO2-Emmisionen aus verschiedenen Quellen.. So ergibt sich eine bessere Lebensqualität durch reale Umsetzung der Herausforderung, dass unsere Städte sich nicht aufheizen dürfen.

Andere Themen wie erschwingliche Mieten und energetische Sanierung von Häusern mit Solarprogrammen auf Dächern müssen ebenfalls umgesetzt werden.

 

Beispiel Massentierhaltung

Die Massentierhaltung ist eine bedeutsame Quelle von Emissionen geworden, die das Klima aufheizen. Ist es für die Zukunft tatsächlich ein Freiheitsaspekt täglich Fleisch zu essen? Aus ärztlicher Sicht sind hier Gesundheitsaspekte anzuführen, die dies fraglich erscheinen lassen. Tägliches Essen von rotem Fleisch, also vom Schwein und vom Rind, ist stark mit der Entwicklung bzw. Verschlechterung von Diabetes Typ 2, dem sogenannten Altersdiabetes, assoziiert. Es spielt hier nicht nur der Zucker eine Rolle. Und für die Blutgefäße ist es relevant, dass täglicher Fleischkonsum Entzündungsreaktionen bewirkt, die Arteriosklerose fördern. Weiterhin werden durch unkontrollierte Gabe von Antibiotika in der Fleischmast und Tierbehandlung antibiotikaresistente Keime gezüchtet, die gerade Senioren in der Behandlung z.B. von Lungenentzündungen und Wunden, sowie nach Operationen gefährden.

Aus meiner Sicht ist diese Freiheit zu täglichem Fleisch keine sehr klug genutzte Freiheit, insbesondere, wenn man noch Tierwohl und Klimawirkung bedenkt. Mäßigung im Fleischgenuss und dann eben seltener Fleisch, aber dann von ökologisch gehaltenen Weidetieren, ist gesünder, dann vielleicht wie ein Festessen und erscheint mir einfach als Lebensqualität, die sich im Grunde aus Liebe zu sich selbst entwickelt.

Auch hier in der Agrarindustrie bei Tieren und Pflanzen gilt es EU-Zahlungen noch viel stärker an ökologische Kriterien anzubinden, Permakulturen zu ermöglichen und das Sterben von kleinen Bauernhöfen zu verhindern.

 

 

Einschränkungen und Gewinne in der Lebensführung

Solche Beispiele lassen sich beliebig weiter fortführen. Aber auch, wenn im Klimawandel und guter Klimapolitik Gewohnheiten nicht immer wie bisher weitergeführt werden können - das wird sicherlich auch so sein und nicht immer einfach - so bedeuten sie ja nur dann Verzicht und Einschränkung, wenn ich das nicht bejahen kann im Hinblick auf größere Ziele und mit Blick auf das, was ich dadurch gewinne. Eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich von Profitmaximierung abkehrt und hin zu Gemeinwohlökonomie orientiert, führt zur Stärkung menschlicher Beziehungen, läßt die Gemeinschaft aufatmen und generiert Impulse, die menschliche Begegnungen von Warenbeziehungen wieder zu empathischen Kontakten und liebevollem Zusammensein führt. Dies betrifft die ganze Gesellschaft, ganz besonders auch das gefährdete Kindeswohl (1).

Alter kann dann wieder gewürdigt werden, ältere Menschen können wieder mehr am Leben teilnehmen, empathischer versorgt werden, aber auch mit der Weisheit des Alters den Jüngeren, den Enkeln wieder viel geben. Auch mit Sinn- und spirituellen Fragen haben sie sich vielfach tief auseinandergesetzt und bereichern so die Gesellschaft. Dies geht mit nur versorgenden effizienzorientierten institutionellen bzw. technischen Beziehungen (alte Menschen als Kostenpositionen) alles nicht. Zu guter Klimapolitik gehört eben auch die Überwindung gesellschaftlicher Spaltungen und eine Förderung von Kooperation anstelle von erschöpfender Konkurrenz im Wirtschaftsleben. Hierzu ist es auch wichtig, dass wir genug Altenpfleger*innen haben die gut ausgebildet und bezahlt werden und sich in freudvoller und befruchtender Kommunikation mit den alten Menschen befinden. Ich habe andernorts beschrieben, wie dann mit ausreichend Zeit auch echte Gesundheitsförderung und Immunstärkung alter Menschen erreicht werden kann, z.B. mit dem Üben altersangemessener QiGong-Übungen unter Anleitung von Altenpflegern, die dies in ihrer Ausbildung erlernen sollten (1). Wenn die Gesellschaft aus ihrer Rastlosigkeit herauskommen will, ist QiGong übrigens eine für Menschen in jedem Alter geeignete Unterstützung.

 

Gedanken zu Annalena Baerbock

Am ehesten scheinen mir die Interessen alter Menschen in einer Kanzlerschaft von Annalena Baerbock aufgehoben, auch wenn sie selbst gesellschaftliche Utopien wenig skizziert, dies eher Robert Habeck überlässt. Verzögerungen und Inkonsequenzen im weitsichtigen Handeln wird es ja allein schon durch die Koalitionsverträge geben, das sollte nicht durch die Wahl einer der systembedingt bremsenden beiden anderen Kanzlerkandidaten zum Kanzler noch verstärkt werden.

Sie steht als Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern mitten im Leben und ist familiär gefestigt. Darüber hinaus hat sie sich als Co-Vorsitzende der Grünen bewährt und hat gezeigt, dass sie mit Robert Habeck kooperativ führen kann, also die für die Zukunft wichtige Teamfähigkeit besitzt.. Solcherart Lebens-Erfahrung ist mir persönlich lieber als die jahrzehntelange politische Systemprägung der beiden anderen Kandidaten, die in der von mir empfundenen ‚Leblosigkeit‘ ihrer politischen Attitüde, die hauptsächlich sich selbst als Führungsfiguren bespiegeln, kein hilfreiches Vorbild beim Aufbruch in eine neue Zeit sein würden.

Die Diskussion um ihr noch junges Alter in Bezug auf das Kanzlerinnenamt finde ich unangemessen, Kanzler Sebastian Kurz aus Österreich ist deutlich jünger, Emmanuel Macron, der französische Präsident, war ebenfalls jünger, als er ins Präsidentenamt einzog. Auch sie fanden ihren Weg in ihrem Land, in der EU und überhaupt auf dem internationalen Parkett. Die Akzeptanz von Angela Merkel international hat ja hier für Frauen den Weg gut geebnet.

 

Nach der Wahl

Es bleibt natürlich, dass auch nach der Wahl der Druck von der Straße, z.B. durch ‚Fridays for Future‘ und allen engagierten Kräften in der Bevölkerung, noch lange gebraucht werden wird, um den Kurs für lebenswerte Verhältnisse auf der Erde zu halten, egal wie die Wahl ausgeht. Die Zivilbevölkerung ist in den nächsten 4 Jahren mehr denn je gefordert politisch als Bürger präsent zu sein, um die recht ausgeleierte Demokratie wieder bürgernah zu erfrischen. Die Alten, zu denen ich mit 71 Jahren auch gehöre, werden dazu unbedingt gebraucht. Ich wünsche allen eine für sie im Herzen gut gewogene Entscheidung bei der Wahl.

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Die Lage der Corona-Pandemie Mai 2021

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Autor: Manfred Nelting

Mai 2021

In Weiterführung meiner Gedanken zur Corona-Pandemie aus meinem Buch „Einsicht in Unerhörtes“, das im Mai 2021 erschienen ist, aber Anfang des Jahres schon Redaktionsschluss hatte, möchte ich hier wie angekündigt einen kurzen Lagebericht einige Monate später aus dem Mai 2021 geben.

 

Wir haben eine dritte Welle der Pandemie erlebt, uneinheitliche und intransparente Lockdown-Maßnahmen, und einen Rückgang der Infektionen bereits vor der seit Ende April geltenden sogenannten Bundes-Notbremse. Einige Politiker sprechen allerdings davon, dass ihr Handeln und ihre Entscheidungen die dritte Welle „gebrochen“ hätten. Die hatte aber bundesweit noch gar nicht greifen können, vielleicht in einzelnen Bundesländern durch vorgezogene Maßnahmen. Die Gründe lagen sicherlich hauptsächlich in der zuletzt durchaus gewaltigen Zunahme der Impfungen pro Tag gemäß der Priorisierung hauptsächlich nach Alter.

Die Intensivstationen waren wieder voll im Rahmen der zur Verfügung stehenden Betten, die durch den bereits vorbestehenden Pflegenotstand begrenzt ist, ebenso dadurch, dass sich die Krankenhäuser leestehende Betten nicht leisten können. Es wurde in der Öffentlichkeit gesagt, dass jetzt jüngere Menschen auf den Intensivstationen an Covid-19 sterben würden, obwohl es darüber kein Register gibt und das Durchschnittsalter der Sterbefälle weiterhin um 80 Jahre liegt. Nun wurde deutlich, dass die Hälfte der Patienten dort aus Hotspot-Stadtteilen kamen, Stadtteilen, in denen die Menschen sehr beengt in kleinen Wohnungen in Hochhäusern wohnten, aus ärmeren, vielfach prekären Verhältnissen kamen. D.h. sie waren schon in jüngeren Jahren vielfach vorerkrankt, wie man an sich seit längerem weiß, und hatten häufig Migrationshintergründe, also viele Menschen durch Sprachbarrieren die Regierungsmaßnahmen und pandemischen Zusammenhänge gar nicht verstanden hatten.

In Köln wurden in Stadtteilvergleichen zwischen reichen und armen Stadtteilen Unterschiede in den Inzidenzen von 0-30 (reich) und weit über 500, bis sogar 750 (arm) festgestellt. Dies hatte erfreulicherweise zur Folge, dass mobile Impftrupps zu den Hotspots geschickt wurden, die Menschen dort wurden endlich in ihrer Belastung und ihrem Leid gesehen.

Das Leid der Kinder in der Pandemie war im Verlaufe der Pandemie auch immer wieder in der Diskussion ohne dass gehandelt wurde. Nun war es unübersehbar und bei dem Impffortschritt trat die Gefährdung der Senioren zurück und die Schäden bei Kindern durch Lockdown und Schulschließungen traten in der öffentlichen Diskussion deutlich hervor. Daher soll es jetzt vorrangig um die Kinder gehen bei der weiteren Betrachtung.

Kinder in der Corona Pandemie

Kurze Vorrede:

Vor der Pandemie ging es bereits fast der Hälfte aller Kinder nicht wirklich gut, mangelte es vielen Kindern an Liebe in ihren Familien und etwa 25% der Kinder erlitten in ihren Familien schwere Vernachlässigung, körperliche und/oder emotionale Gewalt, viele insbesondere auch sexuellen Missbrauch. Diese hohe Zahl an Traumatisierungen spiegelte sich aufgrund der wissenschaftlich und kriminologisch gesicherten hohen Dunkelziffer (Faktor 10-15 des Hellfeldes) bisher nicht in der Kriminalstatistik wider, die nur die gemeldeten Fälle (das Hellfeld) zeigt. Jede/r 4. Schüler oder Schülerin zeigte psychische Auffälligkeiten. Dies wurde in der Presse veröffentlicht, wenn wieder eine Studie dazu bekannt wurde, ansonsten wurde dies nur marginal als eine zentrale Herausforderung für Gesellschaft und Politik aufgegriffen. Eine relevante strategische Konzeption der Regierung zu dieser Thematik mit einem klaren Umsetzungswillen hatte es vor der Pandemie nicht gegeben, obwohl der Politik diese dramatischen Zahlen und Dunkelziffern seit langem bekannt waren.

Gedanken zu „Kinder in der Pandemie“ setzen also auf dieser für viele Kinder schon schwer belastenden Situation auf, Beobachtungen hierzu sind somit nicht allein Corona- bzw. Corona-Maßnahmen-bedingt.

Analyse der aktuellen Situation:

Die gerade veröffentlichte aktuelle Kriminalstatistik 2020 spricht von einem Rückgang der allgemeinen Kriminalität, aber von einer Steigerung von körperlicher, sexueller und spezifisch emotionaler Gewalt von 6.5% bei den gemeldeten Fällen im Pandemiejahr 2020. Soweit der Bereich der Kriminalität.

Die tatsächliche Not der Kinder ist aber viel weitreichender: Mittlerweile ist jedes dritte Kind psychisch auffällig (COPSY-Studie des UKE Hamburg), die Folgen gehen bis zum Suizid. Belastet fühlen sich bereits vier von fünf Kindern durch die Pandemie. Insbesondere Kinder in armuts- bzw. armutsnahen Familien-Verhältnissen sind in der Pandemie deutlich schwerer betroffen, auch, da diese Familien in der Regel in beengten Wohnverhältnissen leben, dies gilt auch für viele Familien mit Migrationshintergrund.

Die Angst von Kindern und Jugendlichen nimmt zu, hierzu gehören auch Belastungsreaktionen der Kinder auf Ängste der Eltern, gerade auch Existenzängste, und depressive Verarbeitungen der Pandemie-Situation bzw. konkrete Ängste zu erkranken seitens der Eltern. Diese Ängste werden wiederum verstärkt durch die offizielle Informationspolitik mit hoher Wirksamkeit in der medialen Aufbereitung. Viele Eltern sind überfordert und in der psychischen Erschöpfung noch weniger als vorher in der Lage Kindern einen liebevollen Rahmen zu geben. Home-Scooling verschärft die soziale Ungleichheit, Schule könnte lebensnah auch mehr outdoor stattfinden, dies fordern erste Stimmen auch aus der Politik.

Kinder brauchen gleichaltrige Kinder, Jugendliche ihre Peergroup um in ihrer Entwicklung zu wachsen bzw. keinen Schaden zu nehmen. Kindergarten und Schule sind nicht allein Lernorte von Wissen, sondern insbesondere soziale Begegnungs- und Erfahrungs-Orte. Lehrer sind in der Regel zentrale Bezugspersonen, sie können auch gerade auffällige Kinder individuell betreuen und ihre seelische Situation und Gesundheit stützen. Dies gilt auch für andere soziale Möglichkeiten wie Sport, Musik etc., die Kinder aktuell umso mehr bräuchten.

Insofern sind die politisch verordneten Einschränkungen wie Lockdowns, Schul- und Kita-Schließungen, Untersagung des Sports im Freien und des Besuchs von Freizeiteinrichtungen konkret massiv schädlich für die Kinder und Jugendlichen und folgenreich für ihr weiteres Leben. Dies wird aber nicht wirklich in den politischen Entscheidungen der Regierung als Schaden gewertet und bleibt gegenüber mathematischen Modellierungen einiger Virologen und Epidemiologen und der ‚Freiheit‘ der Wirtschaft von Testpflichten ohne wesentliche Relevanz.

Diese ‚Kollateralschäden‘ werden dramatisch sein, wenn es keine Wahrnehmung des aktuell potenzierten Leidens der Kinder und Jugendlichen gibt und keine Umkehr zu liebevoller Fokussierung auf die Kinder.

Die Strategien zur Eindämmung der Pandemie brauchen sehr rasch eine Durchsicht auf Wirksamkeit, viele Entscheidungen von Politikern sind letztlich unwirksam, dabei intransparent. Wir brauchen kreative Lösungen, die die Welt und auch das Leid der Kinder und Jugendlichen wahrnimmt, einbezieht und Schaden von ihnen maximal abwendet.

Wir alle müssen also hinhören, was Kinder sagen! Ihre Ideen und Gedanken sind so wertvoll und vor allem auch realitätsnah, wichtig für lebendigen, wirksamen Schutz von Kindern und alten Menschen in der Pandemie.

Einige Corona-Fakten zur Orientierung:

Um lokal, also in Kreisen und Städten verantwortlich und insbesondere für die Kinder und Jugendlichen handeln zu können, sind einige grundsätzliche Fakten und Zusammenhänge nötig. Der deutsche Landkreistag hat diesbezüglich seine Bedenken zur Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes deutlich eingebracht.

Der Fokus allein auf Inzidenzen ist mittlerweile auch in der Wissenschaft umstritten, der verantwortliche Blick weitet sich und stärkt lokales Handeln. Mit der zunehmenden Anzahl geimpfter älterer Menschen, insbesondere hochbetagter, sinkt die Rate der Sterbefälle deutlich und verschiebt sich auch nicht auf jüngere Jahrgänge, wie medial berichtet wird.

Von etwa 80.000 Sterbefälle der Pandemie bis heute (4.5.2021) sind in der Altersgruppe von 0-19 Jahren 17 Menschen gestorben, Altersgruppe 20-49 Jahre 817 Menschen und 50-59 Jahre 2488. Alle anderen Sterbefälle waren älter, davon 87% 70 und mehr Jahre alt. Das Durchschnittsalter aller Sterbefälle liegt noch um 80 Jahre, wird nun in der Zukunft langsam etwas unter 80 J. sinken, da über 80-Jährige aufgrund der umfangreichen Impfungen nur noch selten an Covid-19 versterben werden. Diese Relationen gelten auch für die letzten Wochen, in denen sich die Mutante B 1.1.7 flächendeckend durchgesetzt hat bei neuen Infektionen und bei steigender Inzidenzzahl. Diese Zahlen weist ‚statista.com‘ nach Angaben des Robert-Koch-Instituts aus, die jede/r finden kann, wer „Corona-Sterbefälle nach Alter“ ins Internet eingibt. Trotz steigender Inzidenzzahlen unter Schülern sinken also die Sterbefälle deutlich aufgrund vieler geimpfter Senioren. Und die Impfungen gehen weiter.

Es muss bei aller Tragik der vielen Sterbefälle und dem Leid ihrer Familien erwähnt werden, dass bei einer in Tests nachgewiesenen Infektionszahl von etwa 3 Millionen Menschen weit über 80 % die Infektion praktisch symptomlos überstanden haben und bei Symptomatik die große Mehrzahl keine schweren Verläufe hatte, was zeigt wie leistungsfähig das Immunsystem der meisten Menschen ist. Da die Dunkelziffer nicht bemerkter Fälle bei den Infektionen mit SARS-CoV-2 etwa 4-5 betrug, sind weit über 10 Millionen Menschen mit dem Virus gut fertig geworden.

Im Rahmen der Zunahme der Testungen fängt jetzt die Dunkelziffer in einigen Bereichen an zu sinken, der Blick wird heller, aber die Schlussfolgerungen müssen die besonders gefährdeten Senioren noch im Blick behalten. Die postulierte neue Gefahr einer Sterblichkeit von Senioren durch Zunahme der Inzidenzen unter Schülern aufgrund der Mutante wird sich aktuell aber mit der Beschleunigung der priorisierten Impfung der über 60-Jährigen massiv verringern bzw. gar nicht aufkommen. Die Notwendigkeit der Sozialkontakte von Kindern- und Jugendlichen in Schule und Kindergarten und Freizeiteinrichtungen/Sport sind nun offensichtlich und vordringlich kontrolliert zu ermöglichen, Gesellschaft und Politik muss hier unverzüglich verantwortlich handeln.

Die Anzahl Erkrankungen schwererer Art durch Sars-Cov-2 bei Kindern und Jugendlichen (z.B. PIMS – Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrom) sind gering und in Deutschland traten bisher keine Todesfälle auf, die Symptomatik heilte bei Kindern fast immer vollständig aus. Noch seltener gibt es bei Jugendlichen schwere Verläufe. Es ist aber zu bedenken, dass es schon bei Jugendlichen immer wieder Suizide gibt, die die Erkrankungszahlen von Kindern und Jugendlichen mit schwerer Covid-19-Symptomatik übersteigen. In den allermeisten Fällen ging diesen Suiziden eine posttraumatische Belastungsstörung voraus, zu nennen sind hier erlittene Traumata (Gewalt, sexueller Missbrauch, Verwahrlosung), vorwiegend in den Familien, aber zunehmend auch durch Mobbing und in stark zunehmender Zahl Cybermobbing, insbesondere in der Pandemie. Die Kinder und Jugendlichen mit Suizidgedanken sind dabei um ein Vielfaches höher, insbesondere bei den zunehmenden psychischen Belastungsfolgen (aktuell ist jedes dritte Kind psychisch auffällig, Cybermobbing erlebt mittlerweile jeder 6. Schüler (das sind 2 Millionen junge Menschen), Tendenz steigend). Als wirksamster Präventionsort gelten dabei die Schulen, wenn Mobbing und Cybermobbing dort auch mit im Blick sind.  Hier brauchen wir also eine gemeinsame Sicht von Covid-19-Erkrankungsfolgen, Lockdown-Folgen (insbesondere Schulschließungen) und dem Wissen um schon vor der Pandemie bestehende Traumata und Belastungen unter Kindern und Jugendlichen.

Einen Blick auf Langzeitfolgen durch Covid-19-Erkrankungen (Long-Covid) gilt es sicherlich weiter zu halten, wir kennen dies in bestimmtem Umfang bei allen endemischen Infektionen. Es gibt aber bisher nur Schätzungen bezüglich der Anzahl, die Universität Dresden beginnt erst jetzt mit einem Register dafür bei Kindern (PIMS). Einige Experten sprechen insofern ohne vorhandene Datenbasis (aktuelle Untersuchungen aus England hierzu sind nicht ohne weiteres auf Deutschland zu übertragen, müssen im Übrigen weiter verifiziert werden) öffentlich über Zahlen, was weiter Angst schürt und die Diskussion integrativer Lösungen der unterschiedlichen Belastungen und Schäden durch einerseits Infektionen und andererseits Schulschließungen und anderer Lockdown-Folgen erschwert.

Wir wissen jetzt: Beachtung des Kindeswohls führt also nicht zu mehr Sterbefällen! Nichtbeachtung dagegen ist gefährlich für die Kinder, ihre Gesundheit, ihr Leben und ihre Zukunft.

Beispiele konkrete möglicher Ansätze für Handeln zum Kindeswohl:

Bei dieser Faktenlage im Frühjahr 2021 mit zunehmend wärmeren Außentemperaturen ist verantwortliches Handeln lokal möglich, notwendig und Not-wendend. Präsenzunterricht als sozialer Begegnungsbereich muss mit den gebotenen Vorsichtsmaßnahmen stattfinden auch bei höheren Inzidenzen. Indoor braucht es sicherlich Investition in Lüftungsgeräte, Abstandsregeln und Testungen, outdoor-Unterricht muss forciert werden. Singen draußen im Musikunterricht mit gebotenem Abstand ist ohne Gefahr (aktuelle Aerosolforschung), vielmehr immunstärkend. Auch in Kindergärten ist nun viel outdoor-Aktivität möglich. Hier muss Regierungspolitik eingefahrene Gleise verlassen.

In einigen Schulen werden schon regelmäßig Meditationen angeboten, eine Immunstärkung dieser Achtsamkeitsverfahren ist durch das MIT (Massachusetts Institute of Technology) und die Harvard Universität, beide USA, aktuell nachgewiesen worden. Auch die neue Trendsportart TaiJi-Bailong-Ball ( www.taijiball.com ), die wir auch  in den Gezeiten Haus Kliniken, insbesondere in der Kinder- und Jugend-Psychiarie/Psychosomatik in der Therapie nutzen, ist in diesem Sinne wirksam und sehr interessant und gut akzeptiert von Schülerinnen und Schülern (cool).

Sport für Kinder und Jugendliche ist dringend erforderlich und die lokalen Freizeiteinrichtungen müssen geöffnet werden. Die dort arbeitenden Sozialarbeiter und mehr davon werden dringend gebraucht als außerfamiliäre Ansprechpartner, wie die Lehrer in den Schulen. Beschäftigte in diesen Bereichen können sich bei ihren Hausärzten ggf. impfen lassen. Die Politik ist aufgefordert, die Gehälter im Bildungs- und Sozialbereich wie im Pflegebereich zügig anzupassen ohne Herumgerede. Ebenfalls muss die Weiterbildung aller Personen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, der aktuellen Situation angepasst werden, damit sie ihren betreuenden und präventiven Aufgaben wirklich von Herzen nachkommen können.

Der Bekanntheitsgrad von digitalen Adressen wie ‚krisenchat.de‘ und anderen digitalen und analogen Angeboten vor Ort ist zu stärken, z.B. über die Schulen, Sportverein und Freizeiteinrichtungen und Talkshows.

Beispielsweise hatte Markus Lanz in diesem Sinne in seiner Sendung am 11.2.2021 Kai Lanz (keine Verwandschaft), einem der Gründer von ‚krisenchat.de‘, ausgiebig Raum gegeben um die Notwendigkeit staatlicher Unterstützung für deren vorwiegend ehrenamtliche Arbeit anzumahnen.

Eltern sollten mit ihren Kindern viel in die Natur gehen, wo immer das möglich ist, und sich bei Überforderung an Beratungsstellen wenden. Es ist kein Versagen, in der Pandemie mit sich, den Kindern und den Umständen schwer zurechtzukommen. Der Sozial-Staat muss Familien in Not konkret auch finanziell unterstützen, solange keine anderen würdevolleren Konzepte wie z.B. bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt sind.

Regierungs-Politik muss jetzt endlich die Bedürfnisse von Kindern und Familien in den Blick nehmen, um den Kindern Zukunft zu erhalten. Hier ist gut auf Lokalpolitiker, Bürgermeister zu hören und Kinderstimmen in den demokratischen Prozess einzubeziehen. Dafür sind passende Strukturen zu schaffen, in denen Erwachsene bei Kindern und Jugendlichen wirklich hinhören, was sie erzählen. Dies versuchen viele Eltern auch schon trotz Belastung.

Vieles ist jetzt offensichtlich, nun ist Handeln angesagt; dabei Gemeinsamkeit zu suchen ist weise!

Gedanken zur Wiederausübung von Grundrechten für Geimpfte und Genesene

Ob die Genesenen und die Geimpften und Menschen mit guter Hintergrund- und Kreuzimmunität zusammen in eine Herdenimmunität führen, ist noch unklar. Ebenso ist nicht geklärt, wie anhaltend überstandene Infektionen bzw. Impfungen einen Virus-Schutz geben. Es wird öffentlich darüber diskutiert, dass möglicherweise Auffrischimpfungen regelhaft notwendig werden könnten, aktuell ohne Wissen um die zeitlichen Abstände. Insofern ist es durchaus wahrscheinlich, dass wir mit dem Virus leben und langzeitig umgehen müssen. Hierfür brauchen wir alle ein kräftiges Immunsystem, auch im Alter. Dies sollten wir alle als gesellschaftliche Akteure zum Anlass nehmen, unsere Gesellschaft neu zu gestalten, sodass sich Angst und Stress systemisch verringern können und Kooperation und Achtsamkeit gefördert wird. Denn Angst und Stress schwächen das Immunsystem ganz besonders.

Geimpfte tragen nach Exposition von Corona-Viren nach derzeitigem Wissensstand durch ihre einige Monate lang bestehenden Antikörper schon im Nasenrachenraum offensichtlich nach kurzer Zeit (vielleicht einige Stunden, vielleicht auch 1 bis 2 Tage?) nur noch eine geringe Viruslast, sie werden das Virus also nur selten weiterverbreiten. Wie lange der Schutz anhält, ist noch unklar und offensichtlich u.a. sehr individuell. Selten kommen Infektionen bei einigen geimpften Menschen innerhalb weniger Monate nach Impfung vor, möglicherweise aufgrund individueller genetischer oder immunbedingter Faktoren.

Es ist unklar, ob nach Absinken der Antikörper noch eine spezifische T-Zell-Immunität besteht, die dann bei Exposition wieder die Immunkraft aktiviert. Menschen, die im Jahre 2003 mit dem Sars-1-Virus infiziert waren, hatten 2020, also 17 Jahre danach, noch spezifische T-Zell-Immunität. Dies wird aktuell bei Sars-Cov-2 nicht regelmäßig untersucht, weil es zu teuer ist. Insofern scheint es einfacher und preiswerter zu sein alle halbe Jahre wieder eine Auffrischimpfung zu geben. Das ist für die Firmen, die Impfstoffe herstellen sicherlich ein gutes Geschäft, aber möglicherweise nicht nötig. Es sollte rasch Geld für Forschungen zur spezifischen T-Zell-Immunität vom Forschungsministerium zur Verfügung gestellt werden, um hier mehr Klarheit zu bekommen.

Es muss also noch geklärt werden, wie lange Geimpfte ihre durch die Impfung wiedererlangten, vorher zeitweilig eingeschränkten Grundrechte behalten können bzw. dies durch Folgeimpfungen verlängern müssen.

Die wird bei den Genesenen ja so bestimmt, dass sie für die Wiedererlangung dieser Grundrechte einen PCR-Test, der ihre Infektion nachweist, vorlegen müssen, der nicht älter als 6 Monate ist. Das bedeutet, dass sie 6 Monate nach Infektion aus der Ausübung dieser Grundrechte wieder herausfallen, was also jeden Monat etwa 10-20.000 Menschen betrifft.

Menschen, die vor einem Jahr ihre Infektion hatten, können ihre Rechte nicht geltend machen, ebenso alle die, die eine Infektion unbemerkt überstanden hatten, also vermutlich knapp 10 Millionen Menschen in Deutschland, wie ich schon erwähnte.

Möglicherweise würden alle diese Menschen eine erneute Corona-Infektion gar nicht mehr übertragen aufgrund ihrer spezifischen T-Zell-Immunität. Finanziell privilegierte Menschen können dies prüfen lassen, andere haben nicht die Mittel dafür.

Diese Gedanken gehören alle in eine Gerechtigkeitsdebatte, die offensichtlich nur rudimentär mit dem bevorzugten Fokus auf Impfungen abläuft und vermutlich die Impfbereitschaft stärken bzw. hochhalten soll.

Insgesamt sollen Geimpfte, kürzlich Genesene und Getestete gleichermaßen ihre Grundrechte wieder umfangreich ausüben können, aber es wird schon darüber diskutiert, dass Getestete einen Unsicherheitsfaktor bezüglich der Virusübertragung haben, da die Tests z.B. am ersten Tag einer Infektion eine geringe Viruslast noch nicht erfassen, diese aber in den nächsten 24 bis 48 Stunden stark ansteigen könnte. Daher wird jetzt schon bei Nichtgeimpften bzw. kürzlich Genesenen für viele Zugänge und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ein tagesaktueller Test verlangt, was sicherlich sinnvoll ist.

Anfang Juli 2021 werde ich hier weitere Gedanken zur Pandemie aktualisiert schreiben.

Manfred Nelting

 

 

Corona-Impfungen bei 12-15-Jährigen?

Foto des Autors Manfred Nelting
Autor: Manfred Nelting

04. Juni 2021

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat den Corona-Impfstoff von BionTech/Pfizer für Kinder und Jugendliche von 12- 15 Jahren vorläufig zugelassen, die Stiko (Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts) hat aber schon signalisiert, dass sie die Impfung nur für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen empfehlen wird, also keine generelle Impfempfehlung für diese Altersgruppe aussprechen wird.

Foto eines Kind was geimpft wird
© Kathia Fuhlert/Pixabay

Die Bundesregierung hebt zum 7.Juni 2021 die Impf-Priorisierung auf, d.h. ab dann dürfen Ärzte auch diese Kinder und Jugendlichen von 12-15 Jahren impfen. Gleichzeitig teilt sie mit, dass nicht genügend Impfstoff vorhanden ist und auch noch nicht alle gefährdeten Erwachsenen geimpft sind.

Das hat zu einer Verunsicherung vieler Eltern geführt, daher hier schon einmal ein Kompass zur Orientierung:

  1. Die EMA hat ihre Entscheidung anhand der vorgelegten Studien von BionTech/Pfizer getroffen. In diesen Studien mit einer noch begrenzten Studien-Zahl von Kindern über eine Zeit von nur einigen Monaten sind keine bedeutenden Nebenwirkungen aufgefallen und die Immunisierungs-Wirkung war gut.
  2. Die Stiko meint, die Zahl der Kinder in den Untersuchungen sei noch nicht ausreichend groß und der Zeitraum der Studien nicht ausreichend lang um den tatsächlichen Nutzen und ein ggf. erkanntes Risiko gegeneinander abwägen zu können. Dafür ist es aber wichtig auch eventuelle seltene Neben- und Folgewirkungen der Impfung zu erfassen, weil die 12 bis 15-Jährigen eben viel seltener und sehr selten schwer erkranken: In der gesamten Corona-Pandemie über die 15 Monate bis heute sind in dieser Altersgruppe 4 Kinder gestorben. Möglicherweise hatten diese 4 Kinder auch Vorerkrankungen oder waren z.B. traumatisiert, was das Immunsystem schwächen kann. Darüber habe ich aktuell aber noch keine Informationen.
  3. Angesichts dieses geringen Risikos haben auch eventuelle seltene Nebenwirkungen der Impfung, die in der nächsten Zeit erkannt werden könnten, eine wichtige Bedeutung. Insofern wird die Stiko voraussichtlich die Impfung konkret vorerst nur für chronisch kranke Kinder und Jugendliche dieser Altersgruppe empfehlen.
  4. Ungeimpfte gesunde Kinder und Jugendliche stellen kein großes Risiko für die Gesellschaft dar, wenn sie sich mit Corona infizieren, denn die vielen wissenschaftlichen Untersuchungen haben übereinstimmend ergeben, dass Kinder und Jugendliche nicht die Pandemie-Treiber sind, sondern sich meist von Erwachsenen her anstecken. Die nachgewiesenen Ansteckungen z.B. in Schulen sind zudem äußerst gering.
  5. Da Kinder nicht wesentlich zum Infektionsgeschehen beitragen, spielen sie auch keine wesentliche Rolle bei der sogenannten Herdenimmunität. Für diesen Zweck darf man sie also keinesfalls als zusätzliche Impflinge ‚benutzen‘.
  6. Aufgrund des geringen Risikos einer schwereren Corona-Infektion ist ein Nutzen der Impfung für das einzelne Kind bisher nicht abzuleiten. Es kann eine Impfung bei Kindern aber im Rahmen der weit verbreiteten Ängste bei Kindern und insbesondere ihren Eltern, dass die Kinder schwer erkranken könnten, zu einer Angstminderung beitragen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine Impf-Notwendigkeit, sondern um eine im Einzelfall ggf. durchaus berechtigte Beruhigung der jeweils eigenen Ängste. Diese Beruhigung sollte in der Regel allerdings besser durch Aufklärung seitens der befragten Haus- und Kinder-Ärzte erreicht werden können, eine nicht notwendige Impfung ist dafür letztlich nur in Einzelfällen sachlich begründbar. Die letzte Entscheidung darüber liegt bei den Eltern.
  7. Eltern brauchen also keine Angst um ihre gesunden Kinder haben, wenn es aufgrund des Impfstoffmangels noch eine Zeit lang dauert, bis sie geimpft werden könnten. Sie können insofern ohne Gefährdung ihrer gesunden Kinder noch abwarten, bis mehr Informationen über die Impfung bekannt sind, z.B. durch die Auswertung der zahlenmäßig umfangreichen Impfungen in diesem Alter in den USA. Sie können danach zusammen mit ihren Ärzten besser entscheiden, ob ihr gesundes Kind geimpft werden sollte oder nicht.
  8. Eltern wurden auch verunsichert, da in den Nachrichten über die seltenen Kawasaki-Syndrom ähnlichen Erkrankungen bei Kindern berichtet wurde, bei denen vereinzelt auch ein positiver Corona-Test gefunden. Dies wurde in der Folgezeit als PIMS-Syndrom (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) ärztlicherseits als eigenständige Verlaufsform angesehen. Bei dieser sehr seltenen schweren Verlaufsform kommt es zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems, oft zeitlich verzögert einige Wochen nach einer Corona-Infektion, die in der Regel gut behandelt werden kann und gut ausheilt.

Die Gesamt-Zahl dieser Verlaufsform bei Kindern und Jugendlichen in der Pandemie in Deutschland wird mit 250 bis 300 Fälle angenommen, aktuell wird ein Register an der Uni Dresden hierfür angelegt. Diese Verlaufsform ist also sehr selten und in Deutschland sind dadurch keine Kinder gestorben.

  1. Ebenfalls Verunsicherung haben auch Informationen zu später auftretenden, langzeitigen Folgewirkungen der Corona-Infektion ausgelöst, genannt ‚Long-Covid‘. Hierüber werden in den Medien Politiker zitiert, die z.T. sehr hohe Zahlen von einigen hunderttausend Menschen mit Long-Covid in Deutschland erwarten.

Tatsächlich liegen diesen Zahlen aber Sorgen und Vermutungen zugrunde, keine gesicherten wissenschaftlichen Daten. Die wenigen Studien hierzu lassen eine solche Aussage nicht zu, die entsprechend genannten mathematischen Modellierungen sind wissenschaftlich nicht nachvollziehbar. Was wir wissen ist, dass das Risiko für Kinder, schwer an Covid-19 zu erkranken, extrem gering ist. Und über Langzeitfolgen von Covid-19-Erkrankungen bei Kindern wissen wir sehr wenig, Stiko-Chef Thomas Mertens hält es momentan für eine „Instrumentalisierung einer Sorge“, das Krankheitsbild Long Covid als Argument für eine Impfung heranzuziehen.

Verlässliche Zahlen zu Long Covid existieren nicht, weder bei Kindern noch bei Erwachsenen. Aktuell wird versucht eine Wissensbasis, ein Register, aufzubauen. Dabei ist die medizinische Definition, wann man eine vemutete Long Covid-Erkrankung als solche verifiziert, noch nicht einmal klar. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele der bei Kindern als Long Covid angenommenen Fälle nicht als Virusfolge zu interpretieren ist, sondern als psychische/psychosomatische Reaktion auf Ängste und Folgen von Lockdown und Schließungen von Schule und Freizeiteinrichtungen, ist sehr groß. Die psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen waren schon vor der Pandemie sehr hoch (jedes vierte Schulkind), jetzt in der Pandemie sehen wir dies bei jedem dritten Kind. Siehe auch meine vorherige Schrift „Kinder in der Pandemie“.

 

Resümee

Die Eltern müssen aufgrund der Impfstoffknappheit bis auf die Ausnahmen bei chronisch kranken Kindern sicherlich noch bis zum ausgehenden Sommer, also in der Regel nach den Sommerferien warten, bis sie einen Impftermin für ihre 12-15-jährigen Kinder erhalten können. Diese Wartezeit ist bezüglich des Erkrankungsrisikos an Covid-19 aus wissenschaftlicher Sicht für die Kinder nicht gefährlich, wie ich oben beschrieben habe. Innerhalb des nächsten Vierteljahres wird intensiv weitergeforscht und dann werden voraussichtlich viele Daten zu Nutzen und Risiken einer Corona-Impfung für Kinder vorliegen. Dann können Eltern gut entscheiden, ob sie Ihre gesunden Kinder impfen lassen wollen oder nicht. Beide mögliche Entscheidungen können gute und verantwortungsvolle Entscheidungen sein nach dem dann vorhandenen Wissen und Aufklärung und Beratung durch die Haus- und Kinderärzte. Die Eltern untereinander sollten sich bezüglich ihrer Entscheidungen tolerant begegnen, Lehrer sollten sich bei Vorerkrankungen bzw. eigener Erkrankungssorge ggf. impfen lassen und eigene Lebenspflege betreiben, z.B. mit Achtsamkeits-Methoden wie QiGong, Meditation oder der auch für den Schulsport sinnvollen und wichtigen Ballspielart TaiJi-Bailong-Ball (www.taijiball.com). Von der gesicherten Wirkung von Achtsamkeitsverfahren auf die Immunstärkung ist kürzlich in einer Übersichtsarbeit der bekannten Universitäten MIT und Harvard aus den USA berichtet worden. Eine Impf-Pflicht für Kinder und Jugendliche besteht in Deutschland nicht und der Schulbesuch wird nicht von einer Impfung abhängig gemacht.

Ein Hinweis: Das Immunsystem ist bei Kindern erst mit etwa 12 Jahren weitgehend ausgereift, insbesondere die sogenannten ACE-2-Eiweißbausteine der Zelloberflächen als Andockstellen auch für das Sars-CoV-2-Virus sind bei jüngeren Kindern noch nicht voll entwickelt. Unter anderem daher sind jüngere Kinder auch weniger gefährdet, sich mit diesem Virus zu infizieren. Das Virus kann, weil es wegen der mangelnden Andockstellen nicht gut in die Zellen kommt, sich so auch schwer weitervermehren, insofern entsteht keine zunehmende Viruslast und die Infektiosität der Kinder ist bei Ansteckung begrenzt.

Die Schulen sollten angesichts des derzeitigen Wissens um das Infektionsgeschehen und die psychischen Folgen von Schulschließungen auch keinesfalls wieder geschlossen werden, falls Corona-Inzidenzen im Herbst wieder ansteigen sollten. Schulschließungen aufgrund ggf. fehlender Durchimpfung von Schülern und Jugendlichen ist medizinisch nicht begründbar.

Vielmehr ist über den Sommer hin dafür Sorge zu tragen, dass die Schulräume gute Be- und Entlüftung bekommen, gute Konzepte für Unterricht im Freien entwickelt werden und sinnvolle Hygieneregeln möglich werden. Wenn es ohne soziale Benachteiligung umsetzbar ist, können auch digitale Unterrichtskonzepte eingesetzt werden. Eltern sollten zukünftig keinesfalls für ein Homescooling bereit stehen müssen.

Ich hoffe, dass Eltern mit diesen Informationen nun aus ihrer Verunsicherung herauskommen können und damit einen guten Kompass für ihr verantwortungsvolles kindgerechtes Handeln in ihren Händen haben.

Autor: Manfred Nelting

Ihre Meinung:

Kommentar von Dr. Karella Easwaran |

Lieber Herr Nelting, der Text ist toll und bringt alles sachlich und korrekt auf dem Punkt. Schade ist wie die Politik dagegen steuert und die Eltern verunsichert! Viele Grüße, Karella Easwaran

Bitte rechnen Sie 9 plus 6.