Hamsterrad oder Sinnhaftigkeit? Fritjof Nelting über das Glück

von

Glück aus Sicht der Lebenskrise

Wir, als Familie, haben in den letzten dreißig Jahren viele tausend Menschen stationär in Lebenskrisen begleitet. Wir erleben jeden Tag, was es bedeuten kann, wenn Glück (vermeintlich) nicht mehr vorhanden ist oder nicht mehr gespürt wird. Wir kennen Lebenskrisen (auch persönlich) und wir kennen die manchmal sehr schweren Verläufe und Schicksale, die damit verbunden sind. Und genauso können wir viele Geschichten vom Wiederfinden des Glücks erzählen. So, wie wir täglich erleben, dass Menschen das Glück verlieren, so erleben wir ebenso häufig, wie das Glück und der Sinn im Leben wiedergefunden werden.

 

Ich möchte gleich am Anfang sagen, dass dies zu meinem ganz persönlichen Glück gehört; Menschen, die zunächst ohne eigene Hoffnung waren, zu erleben wie sie Ihr Glück (wieder-)finden bzw. Orte zu schaffen, in denen das möglich wird. Einen Menschen zu erleben, der erkennt, wie das eigene Unglück und die eigene Krise zum Referenzwert für andere werden kann und welche positive Kraft davon ausgehen kann. Einen Menschen zu erleben, der zum Vorbild wird und sich der Verantwortung in unserer Gesellschaft stellen möchte, um zukünftigen Generationen Halt zu geben. Das bedeutet für mich ein großes Glück. Einen Beruf zu haben, bei dem ich meinem eigenen Zweck der Existenz gerecht werden kann.

 

Doch wie viele Menschen haben eine Idee davon, warum sie eigentlich auf der Welt sind, wofür es sich zu leben lohnt? In unseren Kliniken stellen wir Tag für Tag fest, dass ein gesundes und glückliches Leben immer schwieriger wird, je weniger wir diese Frage für uns beantworten können. Und wir müssen auch feststellen, dass die Rahmenbedingungen in unserer sogenannten modernen Gesellschaft es immer schwieriger machen, dass Menschen sich mit dieser Frage auseinander setzen. Unser Leben wird in so vielen Fällen von gesellschaftlichen Normen, Konsum, Notwendigkeiten, (wirtschaftlichen) Zwängen und nicht selten auch von Angst bestimmt, so dass die eigentliche Frage nach dem Glück und dem Sinn im Leben oft gar nicht mehr gestellt wird oder nicht mehr gestellt werden kann. Es gibt den schönen Satz: „Aus der Innenperspektive sieht das Hamsterrad auch aus, wie eine Karriereleiter“. Und dieser Satz beschreibt einen großen Teil des Dilemmas sehr anschaulich. Wenn wir uns nicht einmal bewusst sind darüber, dass wir in einem Hamsterrad sind, dann stellen wir uns auch nicht die Frage nach der Sinnhaftigkeit sich auf der immer gleichen Stelle zu verausgaben. Menschen, die in unseren Kliniken als Patienten ankommen, sind sich mehr oder weniger bewusst, dass sie in einem Hamsterrad sind oder waren. Allerdings haben sie dies festgestellt in dem sie sich im Hamsterrad überschlagen haben und auf ziemlich harte Weise aus ihm rausgeschleudert wurden – willkommen in der Lebenskrise. Die gute Nachricht ist diese: Es ist praktisch egal, an welchem Punkt im Leben wir aus dem Hamsterrad des Lebens geschleudert werden. Es gibt immer Möglichkeiten hin zu einem lebenswerten Leben. Aber der Aufwand und die Dauer dieses Prozesses werden immer größer, je später bzw. je schwächer ich mit diesem Prozess beginne. Und auf der gesellschaftlichen Makroebene können wir feststellen, dass zu viele Menschen in zu kurzer Zeit aus dem Leben geschleudert werden, so dass gesellschaftliche Entwicklung und auch Unterstützung für gesunde Entwicklung aller immer schwieriger wird. Ob die Eltern und Großeltern aufgrund von eigener Krankheit nicht mehr für die Kinder und Enkel da sein können, ob die Lehrer*innen und Erzieher*innen in zunehmender Überforderung nicht mehr für die Entwicklung der Kinder da sein können, ob Politiker und Wirtschaftsbosse angstgesteuert und ohne Überblick Innovationen und klare Richtungen verhindern oder ob müde Freunde nicht mehr an meiner Seite sind um soziale Netze zu bilden – all dies sind Beispiele für destruktive Entwicklungen, wenn zu viele Menschen in zu kurzer Zeit in Lebenskrisen geraten. Es macht also sehr viel SINN und auch sehr viel Freude sich früher mit diesen Themen zu beschäftigen.

 

Wenn es uns früher möglich wäre, einen Blick auf uns selbst im Hamsterrad zu werfen, dann würden sicherlich viele Menschen sagen „Das möchte ich aber nicht für mein ganzes Leben“ oder „Was möchte ich eigentlich mit meinem Leben anfangen?“. Und wenn diese Frage einmal ehrlich gestellt wurde, dann ist der Weg für Entwicklung und SINNhaftes Leben gebahnt. Dann kann ich in hoher Würdigung des bisherigen Lebens (ja, es ist auch eine Leistung im Hamsterrad zu bestehen!) beschließen, dass ich eine andere Richtung wählen möchte und dass Glück, Erfolg und Gesundheit sich nicht ausschließen müssen. Die große Frage lautet aber: Wie stelle ich als noch gesunder Mensch fest, dass ich mich in einem potentiellen Hamsterrad befinde? Es gibt hierauf einige Antworten, aber ich möchte auf zwei, in meinen Augen, sehr wichtige Antworten eingehen.

 

Die erste Antwort lautet „Körperwahrnehmung“. Es klingt vielleicht paradox, aber ein großer Teil der Menschen nimmt sich, seine (langfristigen) Bedürfnisse und seinen Bauch auch als gesunde Menschen schon nicht wahr. Und das liegt unter anderem an einer eigentlich ganz tollen Eigenschaft von uns Menschen – wir sind sehr resilient! Wenn ich nämlich heute abend später ins Bett gehe, als mein Körper es mir signalisiert, dann breche ich am nächsten Morgen nicht sofort zusammen und muss in ein Krankenhaus. Wenn ich in einer ungünstigen Beziehung lebe, dann kann ich das recht gut über einen längeren Zeitraum „aushalten“ oder auch „schön reden“. Wenn ich ein von meinen Eltern erwartetes Studium oder eine Ausbildung wähle, die aber gar nicht zu mir passt, dann finde ich gute Gründe, warum es trotzdem eine gute Entscheidung war und kann ein ungutes Bauchgefühl recht gut und erfolgreich „wegschieben“. Wir sind also in der Lage unpassende Entscheidungen aufgrund der hohen Resilienz und Anpassungsfähigkeit „durchzuhalten“. Aber wie bei einem überzogenen Bankkonto vergessen wir häufig, dass wir Zinsen zahlen müssen. Zunächst nur sehr wenig und kaum merkbar. Aber über längere Zeiträume – und vor allem, wenn wir auch die Zinsen nicht zahlen und dann noch Zinseszinsen dazukommen – wird erst langsam, dann immer schneller und heftiger deutlich, dass wir nicht mehr gut umschwenken können. Eine Karriere kann nach 20 Jahren nicht mehr so einfach gewechselt werden, eine Ehe kann – gerade wenn Kinder da sind – nicht ohne weiteres aufgelöst werden. Chronischer Schlafmangel kann durch einen Urlaub nicht aufgeholt werden und und und. Diese Entwicklungen führen häufig in schwere Erkrankungen. Deshalb zurück zur „Körperwahrnehmung“. Wenn wir schon frühzeitig in der Lage sind uns und unsere Bedürfnisse zu erkennen, wenn wir in der Lage sind auf kurzfristige Befriedigung zu Gunsten von langfristigem Erfolg und Wohlgefühl zu verzichten – Stichwort „Impulskontrolle“ -, wenn wir es uns wert sind auf unseren Bauch zu hören und einmal in uns hinein zu spüren um zu schauen, ob eine Entscheidung wirklich zu uns passt und auch von uns kommt (wohl gemerkt auf Basis der Informationen, die uns zu diesem Zeitpunkt vorliegen, denn in die Zukunft schauen können wir noch nicht), dann überziehen wir unser Konto nicht nur nicht, sondern wir bauen sogar ein Guthaben auf von welchem wir zehren können, wenn es mal „Dürreperioden“ gibt. Für die Entwicklung einer guten Körperwahrnehmung gibt es wiederum unterschiedliche Ansätze, einige davon sind Meditation, QiGong, Yoga oder auch „nur“ ein schöner Spaziergang. Es gibt aber einen Haken, der eine gute Entwicklung häufig verhindert. Wenn wir diese Verfahren anwenden, dann kann dies nur funktionieren, wenn wir sie nicht direkt zweckgebunden „erledigen“, also zum Beispiel meditieren mit der Erwartungshaltung, dass ich danach direkt mehr Energie oder sofortige Erkenntnisse habe. Denn wenn ich dies tue, wird im Körper der Sympathikus, der Aktionsnerv, die Oberhand behalten und der Parasympathikus, der Ruhenerv, kommt gar nicht an den Punkt an dem eine gute Wahrnehmung möglich wird. Wenn wir also zum Beispiel glauben, Yoga machen zu MÜSSEN, um zu entspannen, dann ist der Effekt eigentlich sogar ein gegenteiliger im Sinne von Frustration und weiterer Ermüdung. Die spannende Herausforderung ist also, diese Verfahren „absichtslos“ anzuwenden und das Durchführen einfach zu genießen. Dann kreieren wir uns eine innere Umgebung in der unsere Körperwahrnehmung und unser Zutrauen dazu gefördert werden und ganz wunderbare Entwicklungen ermöglichen.

 

Die zweite Antwort auf die Frage, wie ich herausfinde, ob ich mich in einem sinnfreien Hamsterrad befinde, lautet „Durch soziale Systeme“. Damit sind sowohl die Familie gemeint, aber insbesondere auch Freund*innen, die einem, wenn sie wirklich an meinem Wohlbefinden und meinem Glück interessiert sind, mir sehr deutlich einen „Spiegel“ vorhalten, wenn ich mich in einer ungünstigen Entwicklung befinde. Ein echter Freund oder eine echte Freundin, wird mir zum Beispiel sagen „Ich erkenne Dich gar nicht wieder“ oder „Du wolltest doch immer Menschen helfen, in Deinem Job machst Du aber jetzt das Gegenteil“ oder auch „Durch Deinen Partner hast Du Dich verändert, triffst Du eigentlich noch eigene Entscheidungen?“. Das ist nicht einfach zu formulieren und auch nicht einfach anzunehmen. In der eigenen Familie sind solche Formulierungen manchmal sogar gar nicht möglich, weil die Familienmitglieder in Co-Abhängigkeit zum Teil des Problems werden können. Aber gute, echte Freunde können dies tun, denn sie gehören nicht direkt zum Familiensystem und können im Zweifel gehen, sind aber trotzdem eng und vielfach sehr liebevoll mit der betroffenen Person verbunden. Sie können sich trauen solche, manchmal nicht einfach zu verdauenden Dinge zu sagen, die oft wichtige Grundlage für eine echte Reflektion und gesunde Entscheidungen sein können. Einen, in meinem Augen wichtigen Hinweis möchte ich an dieser Stelle noch loswerden: Freunde sind häufig das, was als erstes aus vollen Terminkalendern gestrichen wird. Weil Freunde so viel tolerieren und viel Verständnis für uns haben, ist es oft das einfachste die Freunde anzurufen und zu sagen „Sorry, ich schaffe es heute nicht zu unserem Treffen. Ist einfach zu viel Arbeit“ Und die Freunde haben auch meistens Verständnis dafür. Bis sie eben eines Tages kein Verständnis mehr haben und nicht mehr Teil des eigenen sozialen Systems sind, denn kein Mensch hat Freude daran ständig versetzt zu werden. Damit können sie die so wichtige Rolle des „Spiegels“ nicht mehr übernehmen. An dieser Stelle möchte ich dafür appellieren, die eigene Gesundheit, die Familie und die Freunde proaktiv in die Kategorie „wichtig UND dringend“ einzuordnen (angelehnt an die Eisenhower-Matrix), denn in der heutigen Zeit, insbesondere im beruflichen Kontext, wird es immer andere Themen geben, die sich „dringend machen“ und aufdrängen, wodurch wir praktisch nie mehr dazu kommen diese drei zentralen Bereiche unseres Lebens ausreichend zu würdigen. Ungünstige Richtungen sind damit vorprogrammiert und führen häufig zu den eingangs angesprochenen schweren Lebenskrisen.

 

Glück ist vielfältig und kann sowohl im gesunden, sinnhaften Leben liegen als auch in der Überwindung einer schweren Lebenskrise. Wir brauchen all diese Arten von Leben in einer sich entwickelnden Gesellschaft. Es ist jedoch sehr hilfreich, wenn es deutlich mehr Menschen gibt, die sich früher mit dem Glück befassen und nicht erst, wenn das Hamsterrad zu schnell für uns geworden ist und uns häufig recht brutal zu Fall bringt. Viel Glück dabei für jeden einzelnen und für unsere Gesellschaft!

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